Aktuell

Texte zum Innehalten in Zeiten von Corona

Dankbarkeit

(Text vom 24. Mai 2020)

Ob das Wirken des Geistes vor Pfingsten oder der erzwungene Stillstand aller Äusserlichkeiten dafür verantwortlich sind, weiss ich nicht. Tatsache ist aber, dass viele Menschen und auch ich in den letzten Monaten wieder gelernt haben, sich mit Dankbarkeit den kleinen Freuden des täglichen Lebens zuzuwenden und bescheidener zu werden. Wenn früher der Garten im Frühling prächtig mit neuen Pflanzen ausgestattet sein musste, freute man sich dieses Jahr an allem, was von selbst wuchs und blühte. So sah man die Natur mit neuen Augen.
Wenn früher die Ostergottesdienste nicht aufwändig genug sein konnten, durfte man heuer eine berührende eindrückliche Ostermesse im Fernsehen und Radio mithören.
Wenn ebenso viele andere im wahrsten Sinne des Wortes DIENSTLEISTENDE für selbstverständlich genommen wurden, merkte man plötzlich, wie unverzichtbar deren Wirken ist und beachtet sie von nun an (hoffentlich) mit anderen dankbaren Augen und Gedanken. Die Pandemie, welche soviel Leid und Unsicherheit über viele Menschen gebracht hat, zwingt uns auch zum Nachdenken darüber, ob wir nicht in Zukunft mehr Dankbarkeit für all die kleinen und grossen Wunder des Lebens aufbringen müssten.

Marlys Meister

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Schöpferische, heilende Grünkraft

(Text vom 23. Mai 2020)

In den vergangenen Wochen bin ich oft spazieren gegangen. Dankbar dafür, dass wir keine Ausgangssperre hatten, habe ich beglückender als sonst das zarte Grün, die duftenden Blüten der Obstbäume, den feuchten Waldboden nach dem ersehnten Regen wahrgenommen und mich gestärkt gefühlt. „Ich nehme die Blüte der Rose und Lilien und die ganze Grünheit zärtlich ans Herz, indem ich allen Gottes-Werken ein Lob singe“, schreibt Hildegard von Bingen. Sie hat die Kraft, aus der alles entsteht, auch Viriditas genannt, d.h. Grünkraft. Sie wird der Natur und uns Menschen geschenkt, aber wir müssen sie auch hüten und schützen, damit sie kraftvoll weiterwirken kann in unserer Welt.

Die Energie und Schönheit beschreibt Hildegard in einem Loblied:

O edelstes Grün, in der Sonne du wurzelst,
du leuchtest in strahlender Helle im Kreise,
den kein irdisches Sinnen begreift.
Umfangen wirst du von den Armen
der Geheimnisse Gottes.
Du schimmerst auf wie Morgenrot,
du flammst wie der Sonne Glut.

Inga Schmidt

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Alleingelassen?

(Text vom 22. Mai 2020)

Alleingelassen, könnten wir meinen, hat er uns an Auffahrt: Weg in den Himmel, halt doch «ganz Gott», letztlich weltfern. Bliebe nur das, ginge der Blick, der in den Himmel starrt, ins grenzenlos Ferne. … Aber es blieb nicht dabei. Es kam ein Feuer, das mein Herzen wärmt, es kam ein Wind, der meine Sinne bewegt, es kam eine Be-Geisterung, die Himmel und Erde verbindet, mich und IHN, für immer. Gott sei Dank!

Felix Terrier

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Christi Himmelfahrt

(Text von Christi Himmelfahrt, 21. Mai 2020)

Himmelfahrt – wer kann erklären, wie das wirklich war? Du bist doch nicht verschwunden in der blauen Luft?
So kann es nicht gewesen sein.
Ein Oben, Unten, Jenseits, Diesseits, Drüben, Hier, das gibt es doch für Dich nicht mehr, seit Deiner Auferstehung, Herr!
Das Ganze ist seither Dein Lebensraum. Ins Ganze bist Du damals eingegangen, in Deinen Urgrund, Deinen Vater, ins Ganze: «Gott».
Das war Dein Heimgang, Deine Himmelfahrt, nicht nach oben, nicht nach unten, Dein «Ort», Herr, der ist innen und ist überall.

Silja Walter
aus einer im Aargauer Volksblatt erschienen Kolumne,
zitiert aus: Silja Walter. Gesamtausgabe, Band 7, Paulusverlag.

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Im Aufstieg

(Text vom 20. Mai 2020)

Es scheint, dass unser Aufstieg noch nicht vollendet ist, dass die morgige Wahrheit sich vom gestrigen Irrtum nährt und dass die zu überwindenden Gegensätze für unser Wachstum der rechte Humus sind. Wir zählen auch die zu den unsrigen, die anders sind als wir. Aber welch merkwürdige Verwandtschaft! Sie gründet sich auf das Künftige, nicht auf das Vergangene. Auf das Endziel, nicht auf die Herkunft. Wir sind Pilger, die auf verschiedenen Wegen einem gemeinsamen Treffpunkt zuwandern.

Antoine de Saint-Expéry
Brief an einen Ausgelieferten. Zitiert nach: Worte wie Sterne. Herder Freiburg.

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Regen

(Text vom 19. Mai 2020)

«Der, den ich liebe hat mir gesagt, dass er mich braucht. Darum gebe ich auf mich Acht sehe auf meinen Weg und fürchte von jedem Regentropfen, dass er mich erschlagen könnte.»
(Bertold Brecht)
Ob Gott mich braucht, darüber haben wir schon nachgedacht vor Wochen. Dass ich ihm mit meinem Leben etwas bedeute, das dürfen wir sicher denken und sagen. Und dass wir als seine Geschöpfe in Selbstverantwortung unter allen Umständen Acht geben sollten, das versteht sich von selber. Doch: jeder Regentropfen der mir zur Zeit auf den Kopf fällt und es nicht bis in die Erde schafft, ist gehindert daran, seiner tiefsten Bestimmung nachzukommen und die Erde zu befeuchten, dass sie fruchtbar bleiben kann. Und dennoch: auch mein Kopf im Regen erfährt durch die Nässe Erfrischung und Belebung.
Ich vermag klarer zu denken.

Eleonora Knöpfel

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Ein Montagstext

(Text vom 18. Mai 2020)

Jedes Buch, jeder Text hat einen Anfang. Es gibt aber auch Texte, die uns zu einem neuen Anfang auffordern oder uns zumindest gut beim Anfangen begleiten. Zu ihnen gehören die ersten Verse des alttestamentlichen Buches Weisheit. Vielleicht kein Zufall, dass diese Zeilen an einem Montag in der liturgischen Leseordnung stehen. – Was allerdings bedeutet, dass wohl nur wenige unter uns sie je zu hören bekommen, weil ausserhalb der Klöster nur an wenigen Orten an einem Montag Gottesdienst gefeiert wird. – Um diesem Anfang aber doch einmal Gehör zu verschaffen, zitiere ich heute Montag einfach ein Stück Bibel: Weisheit, Kapitel 1, Verse 1 bis 7:
«Liebt Gerechtigkeit, ihr Richter der Erde, denkt gut über den Herrn, sucht ihn mit ganzem Herzen!  Denn er lässt sich finden von denen, die ihn nicht versuchen, und zeigt sich denen, die ihm nicht misstrauen.
Verkehrte Gedanken trennen von Gott; wird seine Macht auf die Probe gestellt, dann überführt sie die Toren. In eine Seele, die Böses wirkt, kehrt die Weisheit nicht ein noch wohnt sie in einem Leib, der sich der Sünde hingibt. Denn der heilige Geist, der Lehrmeister, flieht vor der Falschheit, er entfernt sich von unverständigen Gedanken und wird verscheucht, wenn Unrecht naht.
Die Weisheit ist ein menschenfreundlicher Geist, doch lässt sie die Reden des Lästerers nicht straflos; denn Gott ist Zeuge seiner heimlichen Gedanken, untrüglich durchschaut er sein Herz und hört seine Worte.
Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis und er, der alles zusammenhält, kennt jede Stimme.»

Weisheit 1, 1-7

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Lob der Vergesslichkeit

(Text vom 17. Mai 2020)

Gut ist die Vergesslichkeit!
Wie sollte sonst der Sohn von der Mutter gehen, die ihn gestillt hat?  Die ihm die Kraft seiner Lieder verlieh und die ihn zurückhält, sie zu erproben.
Oder wie sollte der Schüler den Lehrer verlassen der ihm Wissen verlieh?
Wenn das Wissen verliehen ist muss der Schüler sich auf den Weg machen.
In das alte Haus ziehen die neuen Bewohner ein. Wenn die es gebaut haben noch da wären wäre das Haus zu klein.
Der Pflüger erkennt den Laib Brot nicht.
Wie erhöbe sich ohne das Vergessen der Spurenverwischenden Nacht der Mensch am Morgen?
Wie sollte der sechsmal zu Boden geschlagene zum siebenten Mal aufstehen
umzupflügen den steinigen Boden, anzufliegen den gefährlichen Himmel?
Die Schwäche des Gedächtnisses verleiht den Menschen Stärke.

Bertolt Brecht

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Schwester im Glauben

(Text vom 16. Mai 2020)

Maria
Du Schwester aller, die an Christus glauben,
Du Schwester aller, die Christi Wort bewahren,
Du Schwester aller, die ihn suchen,
Du Schwester aller, die ihn nicht mehr verstehen,
Du Schwester aller, die ihm dennoch folgen,
Du Schwester aller, die ihn bitten,
Du Schwester aller, die tun, was er sagt,
Du Schwester aller, die unter dem Kreuz ausharren,
Du Schwester aller, die wider alle Hoffnung hoffen,
Du Schwester aller, die mit Christus sterben,
Du Schwester aller, die mit Christus auferstehen.

Heilige Maria, Mutter Gottes
bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen

Litanei im Katholischen Gesangbuch unter der Nummer 778

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Solidarität

(Text vom 15. Mai 2020)

Vor Corona fühlten viele Menschen zunehmend den Verlust von Solidarität. Doch nun ist der Begriff in aller Munde; Jesus von Nazareth hat ihn wie kein anderer gelebt und uns ermutigt Solidarität konsequent so zu leben, dass jede und jeder etwas von sich abgibt, dass viele andere daraus mehr Lebenshoffnung und Lebensqualität erfahren dürfen.
Jetzt haben sich Coop, Migros, Denner, das BAG, der Bundesrat den Begriff Solidarität auf die Brust gebrannt. An Schweizer Fahnenmasten weht „Solidarität“ wie ein missionarisches Bekenntnis, wo zuvor die übliche Schweizerfahne flatterte. So schön! So ganz und gar nach dem Geschmack unseres christlichen Gedankengutes. Und alle, alle nehmen ihn für sich in Anspruch während der Begriff schon etwas bröckelt, weil die einen etwas von den anderen dazu erwarten. Träumen wir davon, dass Solidarität sich etwas hinüberretten kann in die Zeit nach Corona. Solidarität für all jene, die sich bisher nie ein Flugzeug leisten konnten, nie Ferien gebucht haben, kaum täglich genügend Nahrung für ihre Kinder hatten, für alle, die aus dem Elend ihrer Heimatländer flüchten – auf der Suche nach Solidarität!

Eleonora Knöpfel

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Wenn es Gott gäbe

(Text vom 14. Mai 2020)

Kein Unglück und kein Leid auf dieser Welt
müssten wir sehen und selber erfahren
wenn es denn Gott gäbe
sagen die einen und wenden sich ab.

Das Leben beginnen als neuer Mensch
wenn Gott wirklich lebte
wäre vernünftig und klug
sagen andere und wenden sich hin.

Gott zeigt sich meist als Unbekannter
in der Gleichung unseres Lebens.
Diesen Faktor grösser null gesetzt
steht am Ende des Lebens ein Plus.

Alois Schuler

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Wo Himmel und Erde sich berühren

(Text vom 13. Mai 2020)

Über die Hügel und Dörfer der Blick in die Weite. Breit liegen sie da, viele Geschichten bergen die Häuser dieser Orte. Unzählige Menschen die darin wohnen, und nichts verrät in der Stille des Morgens etwas von dem, was sie gerade beschäftigt. Oben, über allem Geschehen, werden die Belastungen und die eigenen Lebenskrisen plötzlich anders bewertet, weil sie in einem anderen Licht erscheinen. Der Blick zum Horizont macht den Kopf zusammen mit dem Herzen ganz frei. Fast will es mir scheinen als könnte keine Last mehr zupacken. Nicht einmal der ferne Strassenverkehr stört dieses Gefühl von Entlastung. Ein Augenblick nur für dieses Gelingen; nicht mehr als ein Augenblick, aber er ist ein kostbares Geschenk des neuen Tages. Ich weiss, dass ich vom Hügel und dem Blick in die Weite wieder werde Abschied nehmen müssen. Doch der wertvolle Moment lässt mich hoffen, dass Ewigkeit ein Name für dieses wunderbare Geschehen sein könnte. Und der Ort an dem ich stehe ist dann wohl der Platz, wo Himmel und Erde sich berühren.

Eleonora Knöpfel

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Atme in mir

(Text vom 12. Mai 2020)

Atme in mir, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges denke!

Treibe mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges tue!

Locke mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges liebe!

Stärke mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges hüte!

Hüte mich, du Heiliger Geist,
dass ich das Heilige niemals verliere!

Augustinus

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Wüstentage

(Text vom 11. Mai 2020)

Wüstentage sind ein Rückzug ins Alleinsein, manchmal gelingt es darin das innere Gleichgewicht zu finden. Wüstentage sind ganz unspektakulär, einsam, oft auch geprägt von entschiedenem Verzicht. Manchmal wählen wir freiwillig einen Wüstentag in unserem Lebensprogramm. Unser Rückzug in die „Corona-Wüste“ ist unfreiwillig geschehen, vielleicht aber dennoch geeignet als Vergleich. Der heutige Tag wird zudem auch noch ein Wüstentag dadurch, dass der Himmel dunkler ist wie in den letzten 40 Tagen. Ein „wüster Tag“. Mit Ps 18 lernen wir die Kontrolle abzugeben an Gott. „Du, Gott, lässt mein Leuchten erstrahlen, mein Gott macht meine Finsternis hell. Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ Der Psalmist verzichtet in seiner Lebenswüste ganz darauf, von sich aus alles zu kontrollieren. Er übergibt sich Gott und erfährt Licht.

Eleonora Knöpfel

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Gott leben

(Text vom 10. Mai 2020)

Willigis Jäger ist wohl einer der bedeutendsten spirituellen Lehrer unserer Tage. Der Benediktiner-Mönch und ZEN-Meister ist vor etwas mehr als einem Monat gestorben. Vor vielen Jahren nach einem Vortrag habe ich sein Buch: „Die Welle ist das Meer“ gelesen. Der Buchinhalt hat mich die eigene christlich-spirituelle Praxis von einer ganz neuen Seite her beleuchten und kritisch hinterfragen lassen. In diesen Jahren habe ich dann und wann meinen Schülern den Auftrag gegeben, Gott einen Brief zu schreiben.
Ich höre aus Zeilen von W. Jäger dazu: “Nein! Einen Brief an Gott schreibe ich nicht. Wohin sollte ich ihn senden? Er ist mir doch näher als ich mir selber bin.“
Die Schüler offenbarten damals erstaunliche und intime Inhalte. Heute würde ich diese Aufgabe nicht mehr abgeben. Ich höre den Mönch nämlich weiter sagen: „
Ich schreibe Gott also keinen Brief. Ich feiere ihn als mein Leben. Gott will gelebt und nicht verehrt werden.“

Eleonora Knöpfel

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Zwischen den Zeilen

(Text vom 09. Mai 2020)

Die Bibel hat einen besonderen Stellenwert in jedem christlichen Gottesdienst. Und im Leben vieler Christen. Wir bezeichnen sie als Heilige Schrift. Doch worin liegt das Göttliche, das Heilige? Früher – und in gewissen evangelikalen Kreisen bis heute – wurde jedes Wort der Bibel als von Gott diktiert betrachtet. Entsprechend wurden naturwissenschaftliche Erkenntnisse wie die Evolution negiert und bekämpft. Wenn wir die Bibel aber als geschichtlich gewachsen betrachten, was ist sie dann mehr als ein altes Buch?
Die Bibel, das hat vor 55 Jahren das Konzil betont, ist göttlich inspiriert. Sie wurde aber von Menschen unter ganz unterschiedlichen Umständen geschrieben. Manches ist geschichtlich bedingt. Die Bibel ist aber kein Geschichtsbuch, kein Tatsachenbericht, sondern – in unterschiedlichen literarischen Gattungen – Offenbarung des Heiligen. Ob in Gedichten wie den Psalmen, ob in prophetischen Reden oder in Erzählungen: Nicht in jedem Wort, aber in jedem Text, gleichsam zwischen den Zeilen, begegnet uns die Menschenfreundlichkeit Gottes. Deshalb lohnt es, sie immer mal wieder zur Hand zu nehmen.

Alois Schuler

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Ordnung

(Text vom 08. Mai 2020)

Ordnung um der Ordnung willen beschneidet den Menschen seiner wesentlichen Kraft, der nämlich, die Welt und sich selber umzuformen. Das Leben schafft Ordnung, aber die Ordnung bringt kein Leben hervor.

Antoine de Saint-Exupéry.
Brief an einen Ausgelieferten.
Aus: Worte wie Sterne. Herder Verlag Freiburg.

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Sinn

(Text vom 07. Mai 2020)

In kaum einer Agenda ist sie vermerkt
die Suche nach dem Sinn des Lebens
doch abends im Rückblick auf unser Tun
würden wir gerne einen Sinn erkennen.

Was macht unser Dasein wirklich sinnvoll?
wann ist, was wir tun, auch richtig?
gilt immer: geben ist seliger als nehmen?
ist gut gemeint auch wirklich gut getan?

Wir suchen ständig nach Anerkennung und Liebe
doch wirklich glücklich ist, wer selber liebt
nur wer mit dem Herzen und mit aller Kraft
das Gute tut, der findet ihn, des Lebens Sinn.

Alois Schuler

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Voll von Gott?

(Text vom 06. Mai 2020)

Eine islamische Mystikerin, Rabic (8. Jh.), mit sehr schwerer Kindheit und Jugend bemühte sich später, in allem dem Hass und der Wut im Herzen keinen Platz zu geben. Weil viele ihrer Bewunderer ihre Geschichte kannten, fragten sie Rabic nach ihrer besonderen Fähigkeit all dies Geschehene vergeben zu können.
«Mein Herz ist so voll von Gott, dass ich für Groll und Argwohn darin gar keinen Platz habe – Gott hat mich gerufen, also wird er sich auch um mich kümmern.»
Ich frage mich, wie viele mir bekannte gläubige Männer und Frauen eine derartige Fähigkeit der Vergebung entwickelt haben. Und ich merke, dass es der Heiligen immer darum geht, dass wir uns selbst prüfen, wieviel Platz Gott in unseren Herzen bekommt. Und ich erkenne, dass dabei unser Wille und die Übung darin einen besonderen Platz hat.

Eleonora Knöpfel

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Pfingstsequenz

(Text vom 05. Mai 2020)

Locke uns heraus,
locke uns achtsam zu sein,
Du, heiliger, heilender Geist.

Rühre uns an,
rühre das kalte Herz,
Du, heiliger, tröstender Geist.

Bleibe bei uns,
bleibe in unserer Zeit,
Du, heiliger, ewiger Geist.

Wag es mit uns,
wage neuen Beginn,
Du, heiliger, schöpferischer Geist.

Geist, der uns fühlen lehrt,
der unser Denken lenkt,
unsere Sinne heilt,
liebend umfängt.

Geist, der uns offen macht,
uns neues Sehen schenkt,
Augen für Deine Welt,
sorgsam erhellt.

Geist, der die Welt erhält,
mit seinem Atem füllt,
Erde und Meere schuf,
aufs Wort gestellt.

Geist, der zur Einheit führt,
trennende Mauern bricht,
Völker zusammen bringt,
im Dienst der Welt.

Geist, der das All durchweht,
Menschen ins Leben ruft,
ihnen das Heute gibt,
ewige Zeit.

Notker balbulus, Notker der Stammler

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Stetes Wachsen

(Text vom 04. Mai 2020)

Dass du Gott brauchst, mehr als alles, weisst du allzeit in deinem Herzen; aber nicht auch, dass Gott dich braucht, in der Fülle seiner Ewigkeit dich? Wie gäbe es den Menschen, wenn Gott ihn nicht brauchte, und wie gäbe es dich? Du brauchst Gott, um zu sein, und Gott braucht dich - zu eben dem, was der Sinn deines Lebens ist (Martin Buber in Ich und Du).
Indem wir nach Gott fragen, geben wir ihm einen Platz in uns. Fragen wir nach ihm, weil wir ihn brauchen? Die meisten Menschen würden wohl mit ja auf diese Frage antworten. Aber braucht Gott uns so wie wir ihn? Es gab Momente, wo ich darauf nein geantwortet habe. Doch die Erfahrung lehrt mich wie uns alle, dass wir miteinander aneinander wachsen. Dass ich nicht einfach für mich bin, sondern dass ich bin durch andere. Dass ich mehr und mehr werde und wachse durch andere Menschen. Und der Glaube an das Göttliche im Menschen nährt deshalb auch meine Sicht, dass Gott auch uns braucht, damit dieses stete Wachsen aneinander und miteinander gelingt.

Eleonora Knöpfel

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Der Klang des Himmels

(Text vom 03. Mai 2020)

Schweigende Engel, ein stiller Himmel
wie könnte das Jenseits Verheissung sein
Wäre dort kein Laut zu vernehmen
Lärm aber, klar, gehört zur Hölle.

Still sein ist gut, singen ist besser
darum die Psalmen, die Lob- und Bittgesänge
denken reicht nicht, auch sprechen engt ein
erst der Gesang öffnet uns die Seele

Bald, wir hoffen sehr bald
holen wir Luft, um einzustimmen
um mit den Engeln Lob zu singen
Gott, der uns den Atem gab

Alois Schuler

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Ein Weg der Mitte

(Text vom 02. Mai 2020)

Langsam habe ich genug! Genug davon das zwischenmenschliche Zusammenleben vorzugsweise gar nicht oder mit erheblicher Distanz zu üben. Ja, Übung trifft die Sachlage ganz gut. Es ist eine Übung, geprobt haben wir nun bereits viele Wochen. Die Ambivalenz der Gedanken allerdings kennt auch ein anderes Gefühl. Das Gefühl nämlich, dass durch diese Situation sich so vieles viel entspannter auswirkt, die Entschleunigung des Lebensalltags viele Spielräume schafft, die uns guttun. Ein Lyriker schreibt dazu: Du kämpfst wie wild für den Traum und fürchtest, dass er sich erfüllt. (Neuert) Mir scheint, dass genau diese zwei Gefühle in meiner Brust schlagen. Zurück vor die Krise können wir nicht. Und wenn wir uns neu erfinden wollen, dann müssen wir Vieles zurücklassen, was zuvor zu unserem Alltagsverhalten gehörte und uns scheinbar glücklich machte. Mit Gottes Hilfe, träume ich, kann ein Weg der Mitte gefunden werden.

Eleonora Knöpfel

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Durch die Arbeit Mensch werden

(Text vom 01. Mai 2020)

"Die Arbeit ist ein Gut für den Menschen - für sein Menschsein -, weil er durch die Arbeit nicht nur die Natur umwandelt und seinen Bedürfnissen anpasst, sondern auch sich selbst als Mensch verwirklicht, ja gewissermassen 'mehr Mensch wird'", schrieb Papst Johannes Paul II. in seiner ersten Enzyklika "Laborem Exercens" 1981. Das war zum 90. Jahrestag der von Papst Leo XIII. veröffentlichten Enzyklika "Rerum Novarum". Zum Tag der Arbeit erinnere ich gerne daran, dass sich die katholische Kirche seit 130 Jahren für eine Gesellschaftsordnung stark macht, in der jeder Arbeit finden dadurch seine Familie ernähren kann.
Der Mensch ist zum Arbeiten geschaffen, die Arbeit darf ihn aber nicht schädigen. Und auch Menschen mit Behinderungen dürfen nicht von der Arbeit ausgeschlossen werden. Denn Arbeit bedeutet für jeden Menschen Teilnahme am Leben der Gesellschaft und Einsatz seiner Fähigkeiten. Deshalb ist es – auch wenn wir uns daran gewöhnt haben – ein Skandal, dass viele Menschen keine Chance haben, jemals wieder eine bezahlte Arbeit ausüben zu können. Auch das muss am Gedenktag Josefs, des Arbeiters festgehalten werden.

Alois Schuler

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Ein guter Tag

(Text vom 30. April 2020)

Eine Kassenangestellte in der Migros beklagt sich über ein älteres Ehepaar beim Einkauf, das Münzen herausklaubt und lange die Kasse besetzt hält, dann noch etwas vergessen hat, weil kein Einkaufszettel gemacht wurde.
Dabei fällt mir auf, dass viele ältere Menschen mir in diesen Tagen sagen, ihr Leben wäre rundum gut gewesen, sie hätten keine Angst zu sterben. Sie bedenken weniger, dass ihr Einkaufsverhalten unter Umständen später einmal einen Spitalplatz mit Atmungsgerät besetzen könnte. Ihre Dankbarkeit über ein gelungenes Leben ehrt sie zwar, doch auch der Blick für viele andere Menschen bleibt wichtig. Abgesehen davon: Vielleicht gibt es ja immer noch gute Tage, die bevorstehen, ermutigende Begegnungen.

Dazu eine Erzählung:
Der greise Häuptling Old Lodge Skins stellt eines Tages fest, dass es ein guter Tag ist. Er beschliesst an diesem Tag zu sterben und geht hinauf zum Ahnenfeld, wo er sich hinlegt. Nach einigen Stunden ist noch nichts passiert und es beginnt zu regnen. So steht er auf und geht etwas verwundert wieder zurück in sein Tipizelt. Dort stellt er fest, «es war ein guter Tag!»

Eleonora Knöpfel

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Mystik und Politik

(Text vom 29. April 2020)

(Zum Fest der Heiligen Katharina von Siena am 29. April)

Mystikerinnen und Mystiker sind Menschen mit einer besonderen Gotteserfahrung. Ihre Aufmerksamkeit ist ganz auf das innere Erleben und auf den Einbruch des Transzendenten ausgerichtet. Von Politikern behauptet man häufiger Gegenteiliges. Aber es gab und gibt Menschen, bei denen sich Mystik und Politik in besonderer Weise verdichten. Niklaus von Flüe heisst so einer, Katharina von Siena eine andere. Sie hat am 29. April ihren Festtag im liturgischen Kalender. Während Bruder Klaus zum Schweizer Landespatron erklärt wurde, weil er, der Mann des Gebets, mit seinem Rat einen Bürgerkrieg verhindert hat, ist Katharina nicht nur Patronin von Italien und Mitpatronin Europas, sondern sie wurde 1970 vom Paul VI. zur Kirchenlehrerin erhoben.
Sie sah sich mystisch mit Jesus vermählt, führte ein asketisches, zurückgezogenes Leben. Um von ihren Erfahrungen zu berichten, beschäftigte sie, weil sie selber weder lesen noch schreiben konnte, zeitweise drei Sekretäre. So entstanden zahlreiche Briefe, 381 sind erhalten. Und einige davon waren an den Papst gerichtet. Sie wurde Beraterin von weltlichen und geistlichen Fürsten in ganz Europa, die sie kraft ihrer gottgeschenkten Autorität auch ermahnte und sogar zurechtwies.
Katharina hat – wie eben auch Bruder Klaus – gezeigt, dass ein Mensch, der sich ganz auf Gott einlässt, es nicht verhindern kann, dass er sich auch um die Menschen kümmern muss. Es gibt wohl gesellschaftliche Akteure ohne Spiritualität, aber keinen Glauben ohne Handeln, keine Mystik ohne Politik.

Alois Schuler

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Hunger wonach?

(Text vom 28. April 2020)

Zur Zeit lesen wir häufig Umfrageantworten zur Situation, die von Verzichten müssen und Isolation, zwischenmenschlicher Distanz oder auch Mangel an frischer Luft und Heimarbeit geprägt ist. Bei allem Verständnis taucht die Frage auf, um welchen Hunger es sich bei den Klagen handelt. Wonach bin ich hungrig, sind wir hungrig? Dass in den Kirchen vermehrt Kirchenfremde zu sehen sind zeigt allenfalls, dass der Hunger nach Gott zur Zeit aktueller ist als noch vor der Krise. Wir sind hungrig nach Nähe, suchen unverzichtbare Geborgenheit, verlässliche Antworten.

Bei Amos steht: Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des HERRN.

Vielleicht ergibt sich heute die Gelegenheit diesen Hunger zu stillen. Einen Satz aus der Bibel zu lesen, das Gebet von Bruder Klaus ganz langsam zu beten. Lassen wir es gelingen!

Eleonora Knöpfel

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Mit Leib und Seele

(Text vom 27. April 2020)

Woran liegt es, dass wir manchmal bei einem Menschen sagen: der macht das wirklich aus Berufung? Es kann eine Ärztin sein, ein Krankenpfleger, aber auch ein Elektriker oder Maler. Vielleicht ist es die Hartnäckigkeit, mit der sie oder er die Arbeit gut, sehr gut machen will. Wenn jemand mir als Kunden nicht einfach das gibt, was ich verlange, sondern das, was ich brauche. Wenn jemand mein Bedürfnis erkennt und entsprechend handelt. So gibt es eben auch den beseelten Verkäufer oder die Automechanikerin mit Durchblick.

Ich mag das, wenn jemand mit der Art, wie er seine Arbeit tut, ein Bekenntnis zu seinem Beruf ablegt, wenn jemand wahre Profession zeigt, wenn sich die Arbeit nach den Regeln der Kunst mit Herzblut verbindet. Diese Berufenen machen mit ihrem Tun die Welt besser, weil sie die tägliche Arbeit mit Verstand und Geschick, mit Leib und Seele tun.

Alois Schuler

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Mal sehen, ob ich zu Hause bin

(Text vom 26. April 2020)

In unserem tiefsten Innern, da will Gott bei uns sein. Wenn die Seele nicht ausgegangen ist mit ihren fünf Sinnen, dann findet er uns daheim.
(Meister Eckhart)

Abgelenkt und zerstreut verlieren wir uns, die Adresse vom inneren Zuhause geht vergessen, wir sind im Ungleichgewicht zwischen Verstand und Gefühlen. Die fünf Sinne zu bündeln ist stets eine Aufgabe, die mit einem Gebet, einer Meditation, einem Ritual gelingen kann. Nur schon das bewusste Falten der Hände und aktives Atmen hilft dabei. ER findet uns! Humorvoll und dennoch so tiefgründig sagt Karl Valentin: «Heute Abend besuche ich mich, mal sehen, ob ich zu Hause bin.»

Ich wünsche Ihnen allen einen gelungenen Tag. Und auch ich atme bewusst und falte dazu die Hände.

Eleonora Knöpfel

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Luftveränderung

(Text vom 25. April 2020)

Unsere Wege sind andere geworden
und das Leben etwas ruhiger
die Luft hat sich verändert
halten wir da Schritt?

Wir wünschen uns Normalität
vielleicht aber nicht die alte
aus letztem Nebel taucht – noch schemenhaft
ein neues – unser – Leben auf

Alois Schuler

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Immer wieder aufstehen

(Text vom 24. April 2020)

Vier Kleinkinder; gerade können sie auf den Beinen stehen und unsicher wackeln sie mit ausgestreckten Ärmchen aufeinander zu. Jedes umarmt jedes, fast purzeln sie dabei um. Jedes zu jedem, kreuz und quer, und immer diese liebevolle Umarmung und ein Klopfen auf den Rücken dabei.

Eine Szene, videotechnisch gestellt, nicht echt. Die Windelkinder lenken unseren Blick in die Weite, nach Corona. Wo wir uns mal wieder drücken können. Wenn alles Trennende hinter uns liegt und unser inneres Ungleichgewicht mit einer Umarmung etwas stabilisiert wird. Wir werden alle neu gehen lernen müssen – eine ganze Gesellschaft wird miteinander lernen müssen stabil auf den Füssen zu stehen. Wie unbefangene «altgewordene» Kinder. Das wird ein langer Prozess sein – eben, als müssten wir neu laufen lernen, aufstehen, vielleicht hinfallen – immer wieder aufstehen, mit Gottes Hilfe!!!

Eleonora Knöpfel

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Unsere Sakramente

(Text vom 23. April 2020)

Wir haben alle unsere Glaubenssätze; versteckt in einer inneren Glaubensbüchse. Dort wohnt auch der Glaube an sieben Sakramente. Ich habe dort viel mehr als sieben gesammelt. Wenn ich in einen Apfel beisse und ihn weglege, dann muss ich lachen und denke an meine Mutter, die das immer wieder getan hat und meinte: »Apfel essen macht müde, bitte iss du ihn fertig.» Es hat mich gestört, damals. Heute wenn es mir passiert, da ist es ganz anders. Da verbindet sich meine Mutter mit mir, da treffen sich zwei ganz unterschiedliche Wirklichkeiten. Das ist mir Sakrament! Wo zwei Erfahrungen so deutlich aufeinandertreffen und das Herz berühren, da geschieht Sakramentales. Freuen wir uns heute an solchen Erinnerungen, ich bin sicher, dass Sie in Ihrer Glaubensbüchse solche haben. Vielleicht müssen Sie gar nicht lange suchen.

Eleonora Knöpfel

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Mit einem Bein aus den Grab

(Text vom 22. April 2020)

Wer nicht an die eigene Auferstehung von den Toten glaubt, kann als Christ zusammenpacken. Denn der Glaube ist leer, wenn Christus nicht von den Toten auferweckt wurde. Und er ist nicht auferweckt worden, wenn es keine Auferstehung der Toten gibt. Paulus nennt diesen Zusammenhang im 15. Kapitel des ersten Briefes an die Gemeinde in Korinth ganz ungeschminkt. «Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden.»

Nicht der 30. Sonntag im Jahreskreis ist der wichtigste Tag im Kirchenjahr, sondern Ostern. An jenem Sonntag begegnet und Jesus Mahner im Bereich der Ethik: Die Gottes- und die Nächstenliebe seien die wichtigsten Gebote antwortet er einem Gesetzeslehrer. Wer wollte da widersprechen. Auch Paulus tut es nicht, und doch sagt er knapp und deutlich: «Wenn wir allein für dieses Leben unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.» Natürlich sollen Christen sich andern gegenüber gut verhalten, aber das tun auch andere. Christen aber sind Menschen, die aus dem Glauben an den Auferstandenen und an die eigene Auferstehung leben. Sie sind, so könnte man Paulus etwas salopp folgen, sie sind bereits mit einem Bein aus dem Grab gestiegen.

Ach ja, und dann sagt Paulus gleich noch, dass wir das mit der Auferstehung nicht mit dem jetzigen Leben verwechseln sollten. Das Leben jetzt gleicht dem Samen, dem Säen. «So ist es mit der Auferstehung der Toten: Was gesät wird, ist verweslich, was auferweckt wird, unverweslich. Was gesät wird, ist armselig, was auferweckt wird, herrlich. Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer Leib.» Die Auferstehung findet statt. Deshalb kann Paulus (in 1 Kor 15,55) rufen: «Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?»

Alois Schuler

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Osterfarben

(Text vom 21. April 2020)

Gestern Abend am Telefon ein Bravo für den schönen und natürlichen Blumenschmuck in der Kirche an Ostern – alles direkt von Feld und Waldrand. In Grün und Gelb gehalten. Ja, die Kollegin am Telefon hatte recht. Die Floristin hat die Osterfarben getroffen.

Heute ganz früh am Morgen, es tagt gerade: ich gehe an den Feldern vorbei und schaue in die Weite. Alles in Grün und Gelb gehalten. Der gelbe Senf steht hoch und leuchtet kräftig. Noch immer wie Ostern! Noch immer diese Kraft in den wenigen Farben auf den Feldern. Noch immer das Licht der Freude darüber, dass nichts diese natürliche Kraft aufhalten kann, dass sie noch immer den vertrockneten Boden aufwirft und durchbricht für neues Leben. Der Teppich für die Tagesbewältigung liegt bei mir ausgebreitet und will mir sagen: «Christus hat den Tod bezwungen und uns allen Sieg errungen. Halleluja, Jesus lebt!»

Eleonora Knöpfel

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Vom Glauben geführt

(Text vom 20. April 2020)

Licht aus der Vergangenheit für dunklere Tage. Heute frühmorgens durfte ich einen Lebenslauf lesen. Die Dame ist nun fast 90. Sie hat ihn vor Jahren verfasst. Als Vertriebene im Erzgebirge gestrandet beschreibt sie, welch stärkende Hand ihr der Glaube wurde. Der Glaube geführt zu werden, immer wieder hingeführt zum Guten. Der Weg dieser Frau, während 10 Jahren, turbulent vom Erzgebirge über die Ruinen Berlins bis nach Basel, wo sie erstmals eine Stadt sieht, in der sie keine Zerstörung und keine Verfolgung erfährt. Und wieder das Gefühl von Gottes Hand geleitet weitergehen zu können.

Ich lese dieses Schreiben als Mahnung für mich selber. Wie oft hat ER meinen Weg gekreuzt! Zufall? Schicksal?

Was lesen Sie in Ihren Herzen? Die Frau wurde nirgends geschont, nicht als Kind, nicht später. Sie hat eine besondere Gabe. Sie fühlt, wie ihre Hand nie losgelassen von Gott immer festgehalten und geführt ist.

Eleonora Knöpfel 

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Gott segne deine Sehnsucht

(Text vom 19. April 2020)

gott segne deine sehnsucht
nach leben in fülle
dass du sie nicht verdrängst
nicht vergisst
nicht verleugnest

gott segne deine sehnsucht
dass du auf sie hörst
ihr traust
ihr folgst

gott segne deine sehnsucht
dass sie dich aufbrechen
grenzen sprengen
ungeahnt neues land betreten
und endlich
heim
finden lässt

gott segne deine sehnsucht
den stern der dich leitet

Katja Süss

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Viertel nach Vier

(Text vom 18. April 2020)

Gestern am Abend: auf meinem Handy eine Kurzmitteilung. «Die Spitze ist bald erreicht. Wir sind auf gutem Weg.» Ich schreibe zurück: «Warten wir ab mit Geduld.» Antwort: «Ja… das warme Wetter wird helfen.» Ich weiss es nicht, warte einfach ab, übe mich in Geduld.

Wir hoffen, wir halten aus während Menschen in der Pflege viel mehr als aushalten müssen. Die Disziplin, die Geduld, der Anspruch an Hygiene, die fortwährenden Erklärungen, kein Treffen mit Freunden nach der Arbeit. Ich bedanke mich stellvertretend für uns alle. Und ich halte es mit der tiefen Aussage des braven Soldaten Schwejk zu seinem Freund:

»Also denne, am viertelabvieri noch em Grieg im Ochse.» Nein; Krieg haben wir nicht. Aber es braucht eine Hoffnung auf ein gutes Ende dieser schwierigen Tage

Eleonora Knöpfel

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Offen für IHN

(Text vom 17. April 2020)

Mit offenem Mund
stehen sie da
die Jünger
und lauschen SEINEN Worten

Mit aufgerissenen Augen
sehen sie IHN
der durchbohrt
am Kreuz hängt

Mit offenem Herzen
harren sie
betend
und wissen nicht worauf

Und dann
erkennen sie IHN im Geist
und können bezeugen:
Der Himmel ist offen, und wir sind frei

Alois Schuler

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Was ich habe gebe ich

(Text vom 16. April 2020)

Könnten wir in dieser Osterwoche Gottesdienste besuchen, hörten wir aus den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte. Wir könnten hören, wie die Apostel sich aus ihrer Erstarrung lösen, in die sie nach der Passion gefallen waren. Sie waren an Ostern wieder zusammengekommen, versammelten sich in einem Obergemacht, wo sie «einmütig im Gebet verharrten», wie die Apostelgeschichte erzählt. Doch dann kommt der Geist über sie. Und nun treten sie – und allen voran Petrus – in die Nachfolge Jesu.

Jetzt gehen sie nicht mehr hinter ihm her, um ihm zuzuhören und zuzusehen, nun reden und handeln sie, wie Jesus geredet und gehandelt hat. Am Tempeltor sehen Petrus und Johannes einen gelähmten Bettler. «Silber und Gold besitze ich nicht», sagt Petrus zu ihm. «Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, geh umher!»

Ostern macht aus jenen, die vorher dasassen und Jesus zuhörten, Handelnde. Ostern lässt die Jünger, lässt uns aufstehen und zu den Menschen gehen. Ostern macht es möglich, dass Wunder geschehen. Wenn ich weitergebe, was ich empfangen habe.

Alois Schuler

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Grüsse

(Text vom 15. April 2020)

Morgengrüsse zu Ihnen allen. Morgengrüsse beim Walking frühmorgens, ich habe es heute wieder erlebt. Noch nie habe ich erfahren, dass so viele Menschen sich beim Morgensport oder auf dem Arbeitsweg mit dem Fahrrad so deutlich und mit Augenkontakt begrüssen. Meistens komme ich mir etwas bescheuert vor, wenn ich immer beim Kreuzen im Wald, am Fluss oder auf der Strasse einzelne Menschen grüsse. Erstmals geht es auch ganz anders. Der Gruss kommt zurück; nicht nur das, nein, es schaut mich jemand mit offenem Blick an. Ich freue mich daran. Und eigentlich kann ich das um 6 Uhr morgens nicht erwarten. Es funktioniert selbst jetzt wo es dunkel ist zu dieser Zeit nach der Wende zur Sommerzeit. Wir kennen das Sprichwort: «Wie du in den Wald hineinrufst kommt es zurück.» Für einmal trifft es zu! Und für einen Moment glaube ich daran, dass Gottes Gegenwart in der kurzen Begegnung mit einem andern Menschen sichtbar wird. Wie sind sie heute dem ersten Menschen begegnet? Hat es auch bei Ihnen funktioniert?

Eleonora Knöpfel

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Die Eintagsfliege

(Text vom 14. April 2020)

In der untergehenden Sonne
Tanzt die Eintagsfliege
Ihrer Ewigkeit entgegen

Claudia Schuler

Ein kurzes Begreifen, sich an der Gegenwart erfreuen, dabei die Vergänglichkeit des Augenblicks erkennen und bejahen, und dies in Worte fassen, das ist Dichtung im Geist des Haiku.

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Corona-Litanei

(Text vom Ostermontag, 13. April 2020)

Abgesagt
Haydn, Mozart und Schubert
dirigiert von Marek Janowski
Nicht abgesagt
das Cellospiel im 3. Stock
das Lied der Amsel

Abgesagt
die Lesung des Literaten
Nicht abgesagt
das Vorlesen des abendlichen Gedichts
die Geschichte für die Kinder

Abgesagt
der Anlass zum 40. Jahrestag
der Ermordung von Bischof Romero
Nicht abgesagt
die Erinnerung
der Widerstand

Abgesagt
der Traum von den Malediven
Nicht abgesagt
das Träumen von
der neuen Erde
dem neuen Himmel

Abgesagt
der Gottesdienst
Nicht abgesagt
das Flüstern
mit Gott

Abgesagt
der Tulpenstrauss auf dem Küchentisch
Nicht abgesagt
das Blühen und Bersten
das Keimen und Knospen

Abgesagt
das Hochzeitsfest
Nicht abgesagt
die Liebe

Abgesagt
die Trauerfeier
Nicht abgesagt
die Auferstehung

© Jacqueline Keune, kath.ch

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Litanei der Auferstehung

(Text vom Ostersonntag, 12. April 2020)

Wenn deine Hände Tränen trocknen
Wenn deine Hände zärtlich streicheln
Wenn deine Hände wortlos trösten
Wenn deine Hände aufrichten in der Trauer
Dann steht Jesus mit dir auf

Wenn deine Füsse Grenzen überschreiten
Wenn deine Füsse alle Vernunft Friedenswege gehen
Wenn deine Füsse voll Freude Klippen überspringen
Wenn deine Füsse ungesicherte Wege wagen
Dann steht Jesus mit dir auf

Wenn deine Augen die Angst erkennen
Wenn deine Augen den Hunger der Seele erblicken
Wenn deine Augen die Gefängnisgitter der Lieblosigkeit schauen
Wenn deine Augen hinter glanzvollen Fassaden die Einsamkeit sehen
Dann steht Jesus mit dir auf

Wenn deine Ohren die Schreie der Geplagten hören
Wenn deine Ohren das Seufzen der Schöpfung wahrnehmen
Wenn deine Ohren die sprachlose Bitte der Heimatlosen verstehen
Wenn deine Ohren das Klagen misshandelter Kinder in ein Protestlied verwandeln
Dann steht Jesus mit dir auf

Claudia Schuler

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Annehmen

(Text vom Karsamstag, 11. April 2020)

Wir haben das Wort nicht
in der Hand
Das Verstehen liegt im Ohr
des andern

Wir können Liebe
nicht zurückzahlen
nur annehmen
und dankend lieben
den Menschen
der uns annimmt

Alois Schuler

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Paulus an die Gemeinde in Philippi

(Text vom Karfreitag, 10. April 2020)

Paulus überliefert in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi einen wunderbaren Hymnus, der in knappen Wort klar macht, welche Bedeutung – aus christlicher Sicht – im Geschehen von Karfreitag liegt:

Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:

Er war Gott gleich,
hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,
sondern er entäußerte sich
und wurde wie ein Sklave
und den Menschen gleich.

Sein Leben war das eines Menschen;
er erniedrigte sich
und war gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.

Darum hat ihn Gott über alle erhöht
und ihm den Namen verliehen,
der größer ist als alle Namen,

damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde
ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu
und jeder Mund bekennt:
Jesus Christus ist der Herr
zur Ehre Gottes, des Vaters.

Philipper 2,5-11

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Passion

(Text vom Hohen Donnerstag, 09. April 2020)

Ein Skandal, ein Ärgernis, oder zumindest eine Torheit sei es in den Augen der Nichtglaubenden, Christus als Gekreuzigten zu verkünden, schreibt Paulus der Gemeinde in Korinth. Und er ist sich offensichtlich bewusst, dass auch den an Christus Glaubenden das Karfreitagsgeschehen nie leicht verständlich sein wird. Derjenige, dem sie nachfolgen, ist wegen seiner Lehre und seiner Taten getötet worden.
Das Kreuz und damit das Leiden steht den Christen stets vor Augen, an Hauswänden, Strassenkreuzungen, in Kirchen und an Halsketten. Und sie haben sich auch etwas daran gewöhnt. Wie auch an Bachs Klang der Matthäus- oder Johannespassion. Dabei fordert Bach mit jeder Tonfolge den Hörer zur Gewissenserforschung auf. Im Denken seiner Zeit ist jede Sünde ein Dorn auf Christi Haupt.

Das Gleiche sagen wir heute anders: Weil wir alle, vor allem alle Leidenden ein Geschwister Jesu sind, betrifft jede unserer Taten oder Unterlassungen ihn, der einst richten wird: «Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.»

Die Karwoche stellt den Christen das Leiden Christi und gleichzeitig die Leiden der Menschen vor Augen. Im Mittelpunkt steht dabei das Leiden, das durch andere Menschen verursacht wird. Natürlich blicken wir nicht gerne hin, wenn von Folter und Mord, von Krieg und Vertreibung die Rede ist. Wir spüren Zorn, Trauer und Hilflosigkeit. Aber schon diese Gefühle sind Ausdruck des Mitgefühls. Wer nicht vor ihnen flieht, wird entdecken, wo auch gehandelt werden kann. Der erste Schritt besteht im Blick auf das Leiden.

Alois Schuler

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Ein Geschenk des Himmels

(Text vom 08. April 2020)

Manche Menschen wissen nicht, wie wichtig es ist, dass sie einfach da sind.
Manche Menschen wissen nicht, wie gut es ist, sie nur zu sehen.
Manche Menschen wissen nicht, wie tröstlich ihr gütiges Lächeln wirkt.
Manche Menschen wissen nicht, wie viel ärmer wir ohne sie wären.
Manche Menschen wissen nicht, dass sie ein Geschenk des Himmels sind.
Manche Menschen wüssten es – würden wir es ihnen sagen!
(Paul Celan)

Und ich möchte Sie ermutigen zu einem guten Wort, bewusst ausgesprochen, nicht nur dahingesagt.

Eleonora Knöpfel

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Das Korn

(Text vom 07. April 2020)

Lichthungrig
drängt das Korn
aus seinem Erdengrab
dem Leben zu

Claudia Schuler

Haiku ist ein japanisches Kurzgedicht, wörtlich ein «lustiger Vers». Haiku halten Augenblicke fest, in denen wir berührt werden und die Welt im doppelten Sinn begreifen.

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Stille

(Text vom 06. April 2020)

Zwei sehr scheue Katzen suchen ihren Platz sehr oft in meinem Garten oder auf meinem Balkon. Mittlerweile ist eine der beiden alt und weniger beweglich geworden. Deshalb gehört der Balkon ausschliesslich ihrer weiss-schwarzen Freundin. Stille scheint ihr Bedürfnis zu sein, kommen sie doch aus einem Haushalt mit Hund, Fischaquarium, Kaninchen und zwei Kindern im Primarschulalter. Stille suchen sie; als Kraftquelle für die nächtlichen Streifzüge.
Stille spielt in diesen Tagen der Isolation für Viele eine besondere Rolle. In einem Text des Jesaja (30,15) werden wir ermutigt uns dieser Stille bewusst zu stellen. «So spricht Gott: Nur in Umkehr und Stille liegt eure Rettung. Nur Stille und Vertrauen verleihen euch Kraft.»
Wie gut, dass wir nicht, wie die eine «meiner» Katzen, erst auf den Balkon flüchten müssen um dieser Erfahrung Raum zu geben. Die Fastenzeit ist der Balkon, um Umkehr und Stille zu üben.

Eleonora Knöpfel

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Der Esel

(Text vom 05. April 2020)

Am Palmsonntag, beim Einzug in Jerusalem begegnet uns neben Jesus auch ein graues Tier: Oft genug verwenden wir seinen Namen als Schimpfwort: "Du Esel". Damit bezeichnen wir Menschen, die wir für dumm halten, für unklug, oder für Menschen, die sich von anderen ausnützen lassen.
Damit tun wir dem Esel aber Unrecht.
Esel sind alles andere als dumm. Sie sind im Gegenteil leistungsfähig und belastbar. Sie sind zäh und geduldig, auch oder gerade wenn ihnen schwere Lasten aufgebürdet werden. Esel sind Tiere, die dem Menschen dienen, besonders in orientalischen Ländern. Esel sind auch kluge Tiere. Sie können sich gut anpassen. Aber sie können auch stur werden, wenn ihnen lebenswichtige Ansprüche vorenthalten werden. In der Bibel schickt Gott immer wieder einen Esel als Hilfe.
Der Esel ist der Legende nach Transportmittel für die Heilige Familie auf dem Weg nach Bethlehem und auf der Flucht nach Ägypten. Auch war er bei der Geburt Jesu im Stall dabei. Beim Einzug Jesu in Jerusalem hat er eine Schlüsselrolle. Er trägt den König des Friedens. Deshalb wird er selbst zum Symbol des Friedens, im Gegensatz zum Pferd, das für Herrschergewalt und Krieg steht.
Der Esel kann auch ein Sinnbild für Jesus selbst sein. Da gibt es einige Gemeinsamkeiten: Auch Jesus ist dienstbereit und belastbar. Er trägt die Lasten. Er ist konsequent, wenn es um den Menschen und um Gott geht.
Wir Christen haben auch etwas gemeinsam mit dem Esel: Wir sind Christus-Träger in die Welt. Dazu bedarf es in der Tat der Eigenschaften eines Esels: Wir brauchen die Bereitschaft zum Dienen gegenüber Gott und den Menschen, Geduld bei Widerständen, Tragfähigkeit, wenn Lasten auferlegt werden.
Papst Johannes XXIII. in seiner freundlichen Art meinte:
"Wo die Pferde versagen, da schaffen es die Esel."

Alois Schuler

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Kleine Schritte

(Text vom 04. April 2020)

„Ich bitte dich, Gott, um die grosse Kraft diesen kleinen Tag zu bestehen. Um auf dem grossen Weg zu dir einen kleinen Schritt weiterzugehen. (Ernst Ginsberg)“
Gerade jetzt sind wir häufig mit kleinen Schritten unterwegs – nicht alle gleich schnell oder langsam. Was sicher ist: es braucht erheblich viel Kraft, unabhängig vom Tempo.
Das obige Gebet kann wie ein Stossgebet immer und überall von uns ausgesprochen oder auch still gebetet werden. Es möge allen heute als kleiner Impuls für den langen Weg dienen!

Eleonora Knöpfel

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Satzbehälter leeren

(Text vom 03. April 2020)

Im Homeoffice ist der Weg zur Kaffeemaschine kurz, und so trinke ich nicht weniger Kaffee, wenn ich nicht ins Büro gehen muss. Hier treffe ich allerdings keine Kollegen, sondern die Maschine spricht mit mir. Und sie macht das etwas eintönig: «Satzbehälter leeren». Zwei Worte nur, die aber klar machen, dass jetzt gehandelt werden muss.
Diese Kurznachricht, so denke ich, während ich tue, was zu tun ist, die Meldung hat es in sich. Sollten wir nicht alle, vor allem in so aussergewöhnlichen Zeiten, unsere Sprachgewohnheiten überprüfen, neue Sätze sprechen und also unsere «Satzbehälter» leeren, unser Sprachzentrum durchspülen.
Wenn wir liebe Menschen nur noch selten und auf Distanz sehen können, dann möchten wir vielleicht nicht über das Wetter reden. Und wo wir auf Menschen treffen, die unter den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie stark leiden, sollten wir ihnen nicht unsere Langeweile vorjammern. Und wenn es darum geht, jetzt noch einige Wochen die Einschränkungen durchzuhalten, ist die besserwisserische Empörung über die Regierung oder die Umsetzung am Ort nicht wirklich zielführend.
Wir haben vielleicht in den letzten Jahren falsche Sätze eingeübt. Neue Sätze braucht das Land, braucht der Mensch, brauchen wir. Deshalb: Satzbehälter leeren, damit Platz ist für neue, gute und aufbauende Worte.

Alois Schuler 

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Wirkliche Freiheit

(Text vom 02. April 2020)

Aung San Suu Kyi – eine Freiheitskämpferin des ehemaligen Burma. Heute kann sie nicht mehr kritiklos mit dem gleichen Respekt angesehen werden wie noch vor Jahren. Sie stand über 20 Jahre lang unter Hausarrest, konnte also weder das Haus verlassen, noch persönlichen Kontakt zu ihrer Familie haben. In ihrer Rede, die sie hielt, als sie den Friedensnobelpreis entgegennehmen konnte, sagte sie Folgendes:

"Das einzige wirkliche Gefängnis ist unsere Angst. Und die einzige wirkliche Freiheit, ist die Freiheit von Angst."

Dieses Zitat, von einer Frau, die so lange in Unfreiheit verbracht hatte, hat mich mehr als nachdenklich gemacht. Und dies müsste uns eigentlich alle anregen über so viele unserer Privilegien nachzudenken und zu fühlen, dass jede unserer Klagen wegen der Ausgeheinschränkungen eine Klage auf hohem Niveau ist. Gibt es doch Menschen, die seit Jahren ihre Zimmer kaum mehr verlassen haben oder konnten. Ja – das Glas ist oft halbleer; doch eine andere Sicht sagt uns – das Glas ist halbvoll. Üben wir gemeinsam daran diese zweite Sicht zur Entfaltung zu bringen; damit es uns etwas besser geht bei aller Einschränkung.

Eleonora Knöpfel, Seelsorgerin

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Der Grenzenlose

(Text vom 01. April 2020)

Als ich immerfort an meine
Grenzen stiess,
verliess
ich mein Zuhause
und ging fort.

Ich wollte in die Wüste gehn,
an jenen Ort
aus Sand und Sand,
der nur den Himmel hat
als Rand,
um den sich nur die Winde
und die Sterne drehn.

Die Wüste, die ich fand,
liegt ausserhalb der Stadt
am Fluss.
Ich sagte mir: Da muss
ich bleiben. Wirklich?
Aber ja!

– Denn ich sah,
dass sich das Grenzenlose,
zwischen Zäunen eingeschlossen,
hier verborgen,
hinter Gittern eingenistet hat.

Wüste ist hier Haus
mit Gittertür.
Mit allen meinen Grenzen
trat ich ein
und durfte schon am ersten Tag
im Grenzenlosen sein.
Es ist jemand, und der wohnt hier.

Grenzenlos nahm mich der Grenzenlose
samt meinen Grenzen an.
Nein, er zerbrach sie nicht.
So wie ich bin, und ich nicht anders kann,
als immer noch begrenzt zu sein,
geh ich nun Tag um Tag,
so wie mein Alltag läuft,
geh ich nun ein
in meines Grenzenlosen grenzenloses Licht.

Silja Walter

Aus: Silja Walter. Gesamtausgabe Band 7, Paulusverlag 2006.

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Unsere Lebenszeit

(Text vom 31. März 2020)

Vergangenheit
ist Geschichte
Zukunft
ist Geheimnis
aber jeder Augenblick
ist ein Geschenk.

Claudia Schuler

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Schöne Worte

(Text vom 30. März 2020)

Wir kennen sie, die Worte gewisser Politiker vor der Wahl und ihre Taten danach. Aber auch zwischen Eltern und Kindern – egal ob die einen noch klein oder die andern schon alt sind – werden immer wieder leere Versprechen gemacht. Und erst in der Werbung. Wir sollten es eigentlich langsam wissen: Worten ist nicht zu trauen.

Und doch müssen wir. Gerade in diesen Zeiten, wo fast die ganze Kommunikation auf Distanz geschehen muss. Dass wir den Worten, die gesagt werden, trauen können, ist die Grundlage unseres Lebens. Wir vertrauen darauf, dass die Ärzte und Epidemiespezialisten uns sinnvolle Verhaltensregeln vorgeben. Und alle, die eine Heirat hinter sich haben, hofften (und hoffen), dass das Ja für das ganze Leben gilt.

Das Christentum – und vor und neben ihm die jüdische Tradition – hat der Übereinstimmung von Wort und Tat schon immer einen besonderen Stellenwert beigemessen. Zum einen betonen die biblischen Propheten immer wieder, dass Gott die alten Verheissungen wahr gemacht hat und deshalb auf sein Wort gehört werden soll. Das Vertrauen auf Gottes Wort steht ganz im Zentrum des Glaubens. Zum andern wird vom Menschen eine rechte Gesinnung erwartet, der seine Handlungen dann aber entsprechen müssen. An den Früchten, so heisst es, erkennt man den Menschen.

Wer gut hinschaut, sieht also vor jedem Wort eine Tat. Wir trauen jemandem, von dem wir schon Gutes erfahren haben. Wir glauben einer, die bisher ihre Versprechen hielt. Ohne diesen Blick zurück können wir nicht auf die Zukunft hin vertrauen. Selbst der Metzger, der seinen Kunden zum ersten Mal sieht, schneidet sein Fleisch nur, weil bisher fast alle andern Kunden auch bezahlt haben. Fast alle. Fast immer.

Wir Menschen sind nicht perfekt. Keiner von uns. Damit wir miteinander leben können, brauchen wir Augenmass. Glauben wir naiv jedem jedes Wort, ohne zu sehen wie er sich verhält, stürzen wir uns selber ins Unglück. Glauben wir keinem, isolieren wir uns. In den gegenwärtigen Hilfsangeboten in den Gemeinden und in der Nachbarschaft ist viel Vertrauen im Spiel. Und oft brauchen die guten Taten kaum noch Worte.

Alois Schuler

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In dir

(Text vom 29. März 2020)

Sei es
dass du suchst
in klugen Gedanken
berühmter Philosophen

Sei es
dass du suchst
im Geschehen vergangener Tage

Sei es
dass du suchst
im lauten Treiben unserer Welt

Sei gewiss
dort wirst du
es nicht finden

Nur wenn du
dich aufmachst
zu den Räumen
deiner inneren Welt

Achtsam
ehrfürchtig
lauschend
offen

Nur dann
wirst du
dem Geheimnis
deines Lebens
begegnen

Claudia Schuler

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Unterbrechung

(Text vom 28. März 2020)

Als Schüler haben wir sie geliebt, die unvermittelten Unterbrechungen. Wenn etwa die Pausenglocke mitten in eine komplizierte Erklärung des Lehrers schrillte. Denn augenblicklich waren wir erlöst. Wenn nicht von der Stunde, die dann etwas länger dauerte, so doch von der Konzentration. Denn auch der Lehrer wusste, dass nun alles Folgende in den Wind gesprochen war.

Als Erwachsene verstehen wir die meisten Unterbrechungen als Störungen. Das gilt erst recht für diese grosse Unterbrechung alles Gewohnten, die Corona-Krise. Wir hoffen, dass es für uns und unsere Liebsten bei einer Unterbrechung bleibt und nicht das Ende bedeutet. Und dass sich dann, wenn die Ansteckungen vorüber sind, auch die Wirtschaft und das kulturelle Leben wieder erholen. Und wer weiss, vielleicht werden in einem Jahr auch einige Dinge anders, besser sogar laufen.

Wir haben eine Denkpause verordnet bekommen, wir müssen Vieles neu erkunden. Die Wirtschaft, die Welt, unser Leben: Wer hatte in den letzten Jahren nicht ab zu den Eindruck, dass alles pausenlos weitergeht, dass wir atemlos geworden sind. Wir brauchen aber den Unterbruch, den Wechsel von An- und Entspannung. Auch wer gegenwärtig im Homeoffice arbeitet oder nicht mehr im Arbeitsprozess drin steckt, sollte sie sich schaffen: die heilsamen Unterbrechungen des Alltags.

Alois Schuler

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Begegnung

(Text vom 27. März 2020)

Unerwartet
stehen wir uns
gegenüber

Ist es Zufall
oder Fügung

Aus entgegen gesetzten
Richtungen
gehen wir
aufeinander zu

Im Gesicht des anderen
suchen unsere Augen
Vertrautes

Doch da ist
nur Neuland
und augenblicklich
der Wunsch zu entdecken
anzunehmen
kennen zu lernen

Damit
das Fremde
der Nähe
Raum
bieten kann

Claudia Schuler

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Intervalltraining

(Text vom 26. März 2020)

Langstreckenläufer kennen es, aber auch Kletterer und Radsportler. Und auch in der Rehabilitation von Herzpatienten wird das Intervalltraining mit Erfolg angewendet. In einem etwas erweiterten Sinn haben wir alle vielfältige Erfahrungen damit: Wir erreichen mehr, wenn wir immer wieder – aber bitte im richtigen Rhythmus – Pausen einlegen. Um dann aber wieder mit voller Energie weiterzumachen. Etwa beim Lernen von Fremdsprachen oder Computerprogrammen, die wir noch nicht beherrschen.
Trainieren kann man eigentlich nur mit einem Ziel vor Augen. Für Leistungssportler ist es ein nächster Wettkampf, für Menschen ab der Lebensmitte vielleicht auch nur der Erhalt der gegenwärtigen Vitalität. Denn das Leben ist diesbezüglich wie das Gehen auf einem Laufband am Flughafen, das in die falsche Richtung läuft: Wir bleiben ohne Anstrengungen nicht stehen, sondern fallen zurück. Dabei sollte wohl noch gesagt sein, dass Anstrengungen nichts Negatives sein müssen. Wozu haben wir Muskeln, wenn wir sie nicht gebrauchen, wozu einen Verstand, wenn wir ihn nicht einsetzen? Auch wenn sich die Muskeln vielleicht im Moment schmerzhaft bemerkbar machen: Etwas zu erreichen, hier und dort einen Schritt vorangekommen zu sein, macht uns doch schon zufrieden, bevor wir ganz am Ziel angekommen sind.
Was für Körper und Geist gilt hat auch seine Bedeutung für die Seele. Unser Innerstes, unser Ich, muss gepflegt, «trainiert» werden, damit es lebendig bleibt. Was ist uns wichtig, was wollen wir, woran orientieren wir uns in den Entscheidungen des Alltags? Das Wort «Gewissen» hat in vielen Ohren keinen guten Klang. Dabei meint es genau unsere ureigene Entscheidungskompetenz. Wir sind nie stärker uns selber als wenn wir unserem Gewissen folgen. Nur ist das nicht immer einfach. Wer seinem Gewissen folgt, muss manchmal negative Konsequenzen in Kauf nehmen. Das noch grössere Problem aber besteht darin, die Stimme des Gewissens aus allen andern Stimmen um uns herum herauszuhören.
Man kann sein Gehör schulen, auch das Hören auf das Gewissen. Jeder Sonntagsgottesdienst (auch der am Fernsehen mitverfolgte) gibt uns schon einen Moment der Besinnung, die Fastenzeit aber möchte ein etwas intensiveres Gewissens-Training anregen. Vielleicht hilft jenen, die jetzt nicht arbeiten müssen oder dürfen, die uns aufgezwungene freie Zeit.

Alois Schuler

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Der Tag ist weg

(Text vom 25. März 2020)

- da geht kein Mensch
so einfach
nur wieder hinab
in den Garten
wo er die Sonne gegessen
hat,
da geht er nicht wieder
so einfach nur wieder
in seinen Tag
sein Tag ist auch weg
mit den Engeln zusammen weg
und allem
mit sämtlichen Gärten der Erde
und Minzenbeeten
weg und hineingerissen
mitsamt dem Himmel
und sämtlicher Zeit.

Silja Walter

Aus: Silja Walter. Gesamtausgabe Band 2. Paulusverlag 2000.

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Sei gegenwärtig

(Text vom 24. März 2020)

Sei gegenwärtig. Nimm wahr, was ist und was vorgeht.
Sei einfach.
Wende dich dem Alltäglichen zu. Dem Kleinen.
Freue dich. Geniesse. Lass dir den Mut nicht nehmen.
Schaue tief in die Natur der Dinge.
Handle, aber tue es aus der Haltung eines Menschen, der nicht handelt.
Handle sanft.
Handle in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.
Handle in Freiheit. Lass los.
Habe Sinn für das Paradoxe.
Denke mit dem Herzen.
Denke weiblich. Denke empfangend.

Zen

Aus: Jörg Zink (Hsg): Unter dem grossen Bogen. Kreuz Verag 2001

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GOTT IST

(Text vom 23. März 2020)

GOTT IST… es scheint, dass diese zwei Worte unbedingt ergänzt werden müssten. Wir fragen uns daher: Gott ist… wie oder was? Selbst die Bibel ergänzt diese zwei Worte vielfältig und immer wieder.
Gott ist heilig, gross, gütig, allwissend, gnädig, die Liebe, mächtig, geheimnisvoll, strafend, abwesend…
Es könnte noch lange so weitergehen mit der Aufzählung.
Weshalb ergänzen, frage ich? Kann doch einfach das GOTT IST genügen um ein ganzes Bekenntnis zu sein.
Tragen wir dieses GOTT IST wie ein kostbares Mantra, ein Gebet aus tiefstem Herzen in uns heute.
GOTT IST in diesen Tagen und immer!

Eleonora Knöpfel

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Mut

(Text vom 22. März 2020)

Zwischen
Hochmut und Demut
steht ein Drittes,
dem das Leben gehört,
und das ist ganz einfach der
Mut.

Theodor Fontane

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Aus tiefer Not

(Text vom 21. März 2020)

Bei den meisten von uns sind die Ängste heute (noch) grösser als die Not. Wir bangen um die Gesundheit von Eltern und Grosseltern – oder um unsere eigene. Wir hoffen, dass unsere Kinder jetzt nicht noch einen Unfall haben, der einen Spitalaufenthalt nötig machen würde. Und diese Gedanken liegen schwer auf unserem Herzen, können uns nach unten ziehen. Wir erleben aber auch Schönes, knüpfen bei körperlicher Distanz neue Kontakte per Telefon oder WhatsApp oder vom Fenster auf den Vorplatz. Und wir wissen, dass in Spitälern und an unzähligen andern Orten Menschen unter Hochdruck daran arbeiten, dass uns die Luft und die Lebensmittel nicht ausgehen.

Ein Gebet kann das Coronavirus nicht verscheuchen, aber vielleicht die lähmende Angst. Dass uns Angst wachsam und vorsichtig machen kann, ist ja jetzt besonders wichtig, aber manchmal wird sie zu stark. Seit mehr als 2000 Jahren beten Menschen den Psalm 130, wenn sie in der Angst zu versinken drohen: «Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen.»

Wer betet, ist nicht allein. Gott hält nicht alle Not von uns fern, aber – so das Zeugnis der Bibel und die Erfahrung von unzähligen Beterinnen und Betern über viele Generationen hinweg– er lässt uns in der Not nicht allein. Diese Gewissheit kann Kraft geben und Hoffnung. «Ich hoffe auf den Herrn … meine Seele wartet auf meinen Herrn mehr als Wächter auf den Morgen», heisst es im Psalm. Und «Ja, er wird uns erlösen».

Aufmerksam sollen wir unseren Alltag gestalten, nicht ängstlich. Was immer noch auf uns zukommen mag – mit, neben oder nach der Coronakrise –, wir dürfen zuversichtlich bleiben. Und offen für ein gutes Wort, das leicht die heute geforderte Distanz überwindet.

Alois Schuler

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Sehnsucht

(Text vom 20. März 2020)

die tiefe Sehnsucht
nach dem paradies

urverlangen
nach der verbindung mit allem
und allen
mit der weite
dem hoffnungsgrün
mit dem leben, der freiheit

nach den menschen
die lieben, achten und teilen

sehnsucht, die sich hier nur
momenteweise erfüllen kann
doch ewig gestillt wird
wenn wir ihr
vertrauensvoll entgegengehen

Maria Sassin

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Ständig Karfreitag

(Text vom 19. März 2020)

Als ich Kind war, und auch noch einige Jahrzehnte später, hatte ich – nicht ganz zufällig – immer am Karfreitag die grösste Lust auf Schokolade. Daran fehlt es uns in diesen Tagen zwar nicht, aber Anderes, das wir sonst wochen- oder monatelang übersehen können, zieht nun unsere Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Karfreitagsgefühl, diese Fokussierung auf Dinge oder Tätigkeiten, die jetzt nicht ergriffen werden können, befällt wohl einige in diesen Tagen.

Ich meine nicht die Sorgen der Erkrankten oder Gefährdeten um ihre Gesundheit und nicht jene der selbständig Erwerbstätigen um ihre (wirtschaftliche) Existenz. Ich meine mich und jene, die gegenwärtig nicht unter massiv erhöhtem Arbeitsdruck stehen, ich meine jene, die Zeit haben. Und die jetzt an all die Sachen denken, die sie jeweils tun, wenn sie Zeit haben: Sich mit Freunden treffen, ins Kino oder Konzert gehen, sich in ein Café setzen und bei einer Tasse oder einem Glas das Leben geniessen.

Statt einem Tag, an dem fast alles geschlossen bleibt, erleben wir nun Wochen der verordneten Genügsamkeit. Aber noch ist Vieles möglich. Wir dürfen spazieren gehen (nur nicht in der Menge), wir dürfen lesen, vorlesen (nur nicht die Grosseltern den Enkeln oder umgekehrt), wir haben, weil manch Gewohntes wegfällt, mehr Zeit. Und die könnten wir für uns nutzen, zum Nachdenken nicht über alle Gefahren, die uns drohen, sondern zum Nachdenken über unser Leben, über das, was uns wichtig ist im Leben. Vielleicht können wir uns durch diese Gedanken aufrichten, aufstehen aus dem Alltag, den Karfreitag hinter uns lassen, aufstehen im Licht von Ostern.

Alois Schuler

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Corona-Virus - Gebet für Betroffene und andere

(Text vom 18. März 2020)

Für andere zu beten liegt in Zeiten einer Pandemie nahe.
Hier finden Sie ein Beispiel für ein fürbittendes Gebet:

Beten wir aus der Tiefe unserer Herzen für alle Menschen, die am Corona-Virus erkrankt sind,
für alle, die Angst haben vor Ansteckung, weil ihr Körper schon geschwächt oder chronisch belastet ist.
Wir beten für alle, die sich überrollt fühlen und deren Freiheit eingeschränkt wird,
für alle, deren Existenz unter den Folgen bedroht wird,
für die Ärzte und Pflegenden, die bekümmert so viele Kranke begleiten und dadurch ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen,
für die Forschenden, die nach Schutz und Heilmittel suchen,
dass Gott unserer Welt in dieser Krise seinen Segen erhalte.

Menschenfreundlicher zuwendender Gott, du bist uns Zuflucht und Stärke, so viele Generationen vor uns haben dich als mächtig erfahren, als Helfer in allen Nöten.
Steh allen bei, die von dieser Krise hart betroffen sind, und stärke in uns den Glauben, dass du dich um jede und jeden von uns sorgst.

Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

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Sand und Sterne

(Text vom 17. März 2020)

Als ich durch die Wüste mit dem Tode um die Wette ging, habe ich wieder einmal eine Wahrheit gestreift, die so schwer zu verstehen ist. Ich habe mich verloren geglaubt, war in den Abgrund der Verzweiflung gestürzt, doch nachdem ich zum Verzicht bereit war, fand ich den Frieden.
Es scheint, dass man in solchen Stunden sich selbst entdeckt und sein eigener Freund wird. Nichts kommt diesem Gefühl der Erfüllung gleich, das in uns ein Bedürfnis nach dem Wesentlichen befriedigt, das wir vorher nicht kannten.
Als ich im Sand bis zum Hals begraben lag, vom Durst langsam erstickt, wie könnte ich vergessen, wie warm es mir da unter meiner Sternenpelerine zum Herzen strömte?

Antoine de Saint-Exupéry

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