Aktuell

Texte zum Innehalten in Zeiten von Corona

Worte

(Text ab 18. Juli 2020)

Für zwei Dinge braucht der Mensch die Sprache, zum Reden und zum Denken. Und wenn sein Gegenüber Glück hat, dachte der Sprechende erst nach, bevor er zu reden begann. Das gleich gilt übrigens auch fürs geschriebene Wort. Es ist nämlich nicht so einfach, einen klaren Gedanken zu fassen und ihn dann erst noch so andern mitzuteilen, dass sie ihn verstehen können. Nicht umsonst gibt es die Redewendung «du weißt schon, was ich meine». In der Regel nicken wir, auch wenn wir mehr vermuten als wissen.
 Wörter sind da, um Dinge, Tätigkeiten oder Begriffe zu benennen. Als Kleinkind haben wir gelernt, dass ein Messer kein Löffel ist und was «heiss» ist. Wir wissen, was es bedeutet, traurig zu sein und haben eine Ahnung, was es bedeutet, «ich liebe dich» zu sagen. Gerade da, bei der Trauer oder der Liebe, fängt allerdings oft die Sprachlosigkeit an. Denn so klar es uns scheint, was ein Tisch oder ein Stuhl ist, so unsicher werden wir oft bei den wichtigen Dingen im Leben. Nicht selten beginnt dann einer zu reden, doch das eine Wort, der passende Satz will einfach nicht gelingen.
Menschen, denen es gelingt, Texte zu verfassen, bei denen kein überflüssiges Wort den Sinn vernebelt, nennen wir Dichter, die dichteste Form Gedicht. Jetzt im Sommer, finden wir vielleicht die Zeit, zu einem Lyrikbändchen zu greifen, oder in der Bibel die Psalmen aufzuschlagen. Spätestens, wenn es im Leben wesentlich wird, brauchen wir die richtigen Worte.

Alois Schuler

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Geschenkt

(Text ab 11. Juli 2020)

Es ist lange her, aber ich erinnere mich noch gut an unsere Wanderung nach Ziteil. Natürlich nicht an jede Biegung des Weges, nicht an jeden Stein. Aber an ein gutes Gefühl, einen freien Kopf, und – natürlich auch – an müde Beine. Und dann der Blick über das Tal. Es lohnte sich, auch während des Pilgergottesdienstes zwischendurch nach hinten zu blicken, durch das grosse Fenster auf die Berge auf der andern Seite des Tales.
Ich wandere gerne, zwar selten alleine, aber oft Stunden ohne mit andern zu reden. Das ist das Schöne an einer Wallfahrt auf einen Berg: Es sind alle mit atmen beschäftigt. Während die Beine mich Schritt um Schritt näher an das Tagesziel bringen, schweifen meine Gedanken frei umher. Für einmal ist nicht ein Problem zu lösen, ist keine Entscheidung zu fällen. Während die Beine schwerer werden, schweben die Gedanken leicht wie Schmetterlinge von Blume zu Blume oder wie ein Adler über den Wipfeln. Und manchmal – man darf das nicht vorher wollen – entstehen Ideen, auf die ich, hätte ich sie gesucht, nie gekommen wäre.
Andere erleben das beim Radfahren, im Fitnessstudio, am Strand oder beim Zugfahren. Es ist ein ähnlicher Zustand wie beim Einschlafen oder beim Aufwachen. Logische Problemlösungen kann man am Computer oder vor einem Schaltkasten finden. Damit uns aber Unerwartetes zufallen kann, dürfen wir es weder suchen noch erwarten. Wir wandern oder pilgern nicht, um einen Ablass zu erwirken, sondern um zu wandern. Wir sind unterwegs, und gerade weil wir nichts anderes wollen, wird uns manchmal etwas geschenkt.

Alois Schuler

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Der Mensch

(Text ab 04. Juli 2020)

Natürlich soll er im Mittelpunkt stehen, der Mensch. Wer wollte da widersprechen. Und fast so selbstverständlich denken dabei viele an sich selber. Das ist oft ein kleines Problem, weil dann doch ein paar andere Menschen zu kurz kommen. Aber selbst dieses Ich, das bedient, umsorgt und auf jeden Fall beachtet werden möchte, bleibt manchmal auf der Strecke. Denn in den Mittelpunkt stellen wir meist nicht uns, so wie wir sind, sondern ein Bild von uns, ein Wunschbild.
Die meisten sind weder so toll – «wer ist die Schönste im ganzen Land?» – noch so bedürftig wie sie meinen. Der Wunsch nach Anerkennung oder nach Gerechtigkeit ist berechtigt, das ständige Schielen auf das, was andere als Geschenk, als Lohn oder als Sozialleistung erhalten, macht uns das Leben aber unnötig schwer. Das Glück steckt meist nicht im «Mehr», das wir erhalten könnten oder meinen verdient zu haben, sondern in den gegenwärtigen Möglichkeiten, unser Leben und unsere Beziehungen zu gestalten.
Der vielleicht grösste Irrtum im Hinblick auf unser eigenes Leben betrifft den letzten Abschnitt. Wir wissen zwar, dass jeder Mensch sterben muss, wollen das aber für uns selber nicht so recht wahrhaben. Im besten Fall rechnen wir damit, eines Tages nicht mehr da zu sein. Wir hoffen aber, dass wir einen guten Tod, und das heisst für viele: einen schnellen Tod finden. Ohne Krankheit, ohne Schmerzen und ohne grosse Abhängigkeit von andern. Natürlich dürfen oder sollen wir hoffen. Aber auch wenn manche das verdrängen möchten und dank guter Gesundheit auch ganz gut beiseiteschieben können: Ab der Lebensmitte geht es zumindest körperlich mit uns bergab.
Die Fortschritte in der Medizin und die durch sie gewonnene höhere Lebenserwartung täuschen uns. Sie führen nicht selten dazu, dass Menschen sich noch zu belastenden Operationen überreden lassen, wenn das Lebensende bereits absehbar ist. Statt in der gewohnten Umgebung mit bekannten Menschen verbringen sie ihre letzte Zeit dann im Spital. Sich und seine Situation realistisch zu sehen, kann für die Betroffenen unangenehm, erschreckend sein. Was uns eigentlich schon das ganze Leben hindurch aufgetragen ist, wird aber in der letzten Phase zur vielleicht wichtigsten Aufgabe: sich mit sich selber zu versöhnen, mit allen seinen Schwächen und Gebrechen. Und auch die Angehörigen sind in dieser Situation noch einmal besonders gefordert. Auch sie sind jetzt besonders damit konfrontiert, dass er einmal sterben muss, der Mensch.

Alois Schuler

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Fundament

(Text vom 27. Juni 2020)

Ein Haus kann man nicht anders bauen, als von unten nach oben. Und was oben gebaut wird, muss von unten getragen werden. Nur ein gutes Fundament auf festem Grund garantiert ein stabiles Haus. Mit unsern Wertvorstellungen und den darauf bauenden Gesetzen ist es nicht anders. Die Fundamente sind fest gefügt, was wir oben verändern, muss auf die Grundmauern passen.
Wie steht es also mit unserem Lebenshaus? Haben wir ein tragfähiges Fundament gelegt? Und setzen wir den ganzen Bau auf diese Grundmauern, oder haben wir rundherum Anbauten angelegt, die leicht unterspült werden könnten? Der Sommer ist nicht schlechteste Zeit, um darüber nachzudenken, vielleicht gar etwas nachzubessern. Das kann zwar anstrengend sein, aber es bleibt dann ja noch Zeit, um auszuruhen.

Alois Schuler

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Beppo an Momo

(Text vom 26. Juni 2020)

Vielleicht kennen Sie das typische Verhalten auch, wo wir gleich meinen den ganzen Berg abtragen zu müssen. Warnungen dazu habe ich oft in den Wind geschlagen. Doch Beppo höre ich gerne zu, wenn er Momo etwas ganz Kluges mitteilen will:

«Es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Strasse vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedesmal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz ausser Puste und kann nicht mehr. Und die Strasse liegt noch immer vor einem. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Strasse auf einmal denken, verstehst Du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein. Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Strasse gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht ausser Puste. Das ist wichtig.»

(Michael Ende)

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Einklang

(Text vom 25. Juni 2020)

Kaum etwas trennt einen Musikhörer mehr von den andern als Gesungenes. Denn der eine mag Oper, die andere Operette. Wer auf Popmusik abfährt, hört keine Schlager. Kein Radiosender traut sich, auf ein Lied von Helene Fischer eine Arie aus Bachs Matthäuspassion folgen zu lassen. Wobei Sologesang wesentlich stärker polarisiert als Chöre. «Va, pensiero», der Gefangenenchor aus Verdis Nabucco oder das Halleluja aus Händels Messias gehen bei vielen durch. Jodelchöre stossen weniger schnell auf Ablehnung als ein Solojodel, und viele hörten Plácido Domingo, Luciano Pavarotti oder José Carreras erst, als sie gemeinsam als «die drei Tenöre» auftraten.
So sehr Gesungenes Hörer verschiedener Musikrichtungen polarisiert, Gesang verbindet jene, die singen. Schliesslich müssen sie aufeinander hören. Das ist ganz besonders der Fall, wenn a cappella, also ohne Begleitung durch Instrumente, gesungen wird. Wenn er gelingt, hat der a-cappella-Klang allerdings eine ganz besondere Qualität. Auf allen Tasteninstrumenten – und auch auf modernen Blasinstrumenten – wird nämlich etwas gemogelt, damit alle zwölf Halbtonschritte gleich sind und so alle Tonarten gespielt werden können. Nur Streichinstrumente und Sänger können reine Intervalle und die aus ihnen bestehenden Akkorde hervorbringen.
Egal was gesungen wird, es geht immer um uns, um unsere Gefühle und um unsere Sehnsüchte. Was wir uns wünschen, auf der Erde oder im Himmel, hat immer mit Harmonie zu tun. Unser Leben und die gegenwärtigen Empfindungen allerdings sind widersprüchlicher, dissonanter. Wo es um Schuld geht, machen viele Komponisten das seelische Elend mit bissigen Reibungen spürbar. Wenn hier die konsonanten Intervalle rein gesungen werden, schärfen sie die dissonanten bis sie schmerzen. Aber wenn ein Stück dann im einfachen Dreiklang oder gar nur in einer reinen Quinte endet, wird Vergebung erfahrbar.
Wenn das schon beim Hören so ist, um wieviel mehr dann beim Singen. Wenn es gelingt, den eigenen Ton im Hören auf die andern, dissonanten, Töne zu halten, um dann wieder eine vollkommene Harmonie zu finden, dann ist das wie ein langes Ringen in der Familie, an der Arbeit oder in der Politik, in dem jeder offen und klar zu seiner Meinung steht, den andern hört und respektiert und gemeinsam mit ihm nach einer Lösung sucht. Wenn die dann gefunden ist, steht am Schluss der heilsame Einklang.

Alois Schuler

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Johannes der Täufer

(Text vom 24. Juni 2020)

Johannes und Jesus – eng verknüpfte Familienbande. Maria und Elisabeth sind Cousinen. Zwei Lebensgeschichten eng miteinander verknüpft. Beide Personen ganz konsequent in ihrem Engagement für das Reich Gottes. Beide Biographien enden tragisch. Der Geburtstag von Johannes ist berechnet nach der Verkündigung der Jesusgeburt an Maria. Zu diesem Zeitpunkt ist Elisabeth im sechsten Monat schwanger. Drei Monate später wird Johannes geboren. Erst nach dem 30. Geburtstag tritt er in der Öffentlichkeit als Bussprediger und Täufer auf. Die Gegend um den Jordan ist seine Wirkungsstätte, wo ihn später auch Jesus um die Taufe bittet.
Mit Kamelhaarmantel, Kreuzstab, Lamm und Taufschale dargestellt, geht Johannes in die Kunstgeschichte ein.
Und immer wieder hören wir, wie er sich selber zurücknimmt (Joh 3,30) und auf Jesus als den zentralen und einzigen Heilsbringer hinweist. Die Lichtsymbolik spielt am Johannistag auch aus dem biblischen Bericht heraus eine wichtige Rolle. (Lk 1,78) Johannisfeuer und Johanniskränze gehören zur sichtbaren Tradition.
Die Sonnenwende um den 24. Juni wie auch jene des 25. Dezember bringen Johannes und Jesus erneut in eine ganz besondere Nähe.
Bis zu Johannis werden Rhabarber und Spargel geerntet. Der Heuet beginnt in diesen Tagen besonders aktiv und traditionell wird auch der Buchweizen gesät.

Eleonora Knöpfel

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Bessere Menschen

(Text vom 23. Juni 2020)

Robin Hood ist der bessere Mensch als der Sheriff von Nottingham. Denn der Sheriff presst den einfachen Menschen Geld ab, um seine Macht zu stärken, Robin stiehlt das Geld und gibt es den Bauern zurück. Die Realität macht es uns nicht immer so einfach, zwischen guten und schlechten Taten zu unterscheiden. Und die Menschen in gut und böse einzuteilen, wäre erst recht ein gefährliches Unterfangen.
Microsoft-Gründer Bill Gates, seine Frau Melinda, der Investor Warren Buffett und mit ihnen 40 weitere amerikanische Milliardäre haben sich entschlossen, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. Und es bleibt nicht bei Worten. Die bereits vor mehr als zehn Jahren gegründete Bill & Melinda Gates Foundation engagiert sich mit jährlich rund 3 Milliarden Dollar im Kampf gegen ansteckende Krankheiten wie Aids, Malaria oder Gelbfieber. Wer wollte das nicht als gute Tat ansehen?
Es gibt, allen Eindrücken aus der Tagesschau zum Trotz, viele gute Taten. Und es gibt nicht wenige, die ihre – von andern als «gut» bewerteten – Taten als selbstverständlich ansehen. Wer mehr hat, egal ob Gemüse aus dem eigenen Garten, Zeit oder Geld, soll jenen, die zu wenig haben, etwas abgeben. Wie es die katholische Soziallehre formuliert: Privateigentum ist gut, aber es verpflichtet zur Solidarität. Und es muss, damit man sich vor dem eigenen Gewissen daran freuen kann, gerecht zu Stande kommen. Jene, die am Produktionsprozess beteiligt sind, müssen von ihrer Arbeit leben können.
Der Wegelagerer Robin Hood fällt als Vorbild für eine gerechte Vermögensverteilung weg. Bei andern «Wohltätern» fällt die Beurteilung schwerer. Wann ist ein Vermögen «gerecht» erworben, welche Spenden dienen den Menschen am meisten? Und wenn die Spenden zu tieferen Steuern führen, mindert das ihren Wert? Wann ein Mensch «gut» ist, wissen wir nicht. Aber wer bei seinem Tun darauf achtet, wie es den Menschen geht, die für ihn arbeiten – auch für uns Konsumenten arbeiten einige… –, und wer das, was er hat, mit andern teilt, ist ein besserer Mensch.

Alois Schuler

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Keine Angst

(Text vom 22. Juni 2020)

«Ich habe keine Angst». So oft wie in den letzten Monaten habe ich diesen Satz nie zuvor gehört. Vor allem ältere Menschen haben sich so geäussert. Schön, denke ich. Du hast keine Angst. Und ich frage mich nebenbei, ob die Abwesenheit von Angst auch etwas unvorsichtig machen kann. Ich habe mal gelernt, dass Angst auch ein passender Ratgeber sein kann. Angst bewahrt vor unvorsichtigen Handlungen, übermütiger Naivität. Ja, stimmt. Angst ohne krankhafte Züge schützt vor Vielerlei. Sören Kierkegaard wagt es sogar zu sagen, dass der Mensch Angst haben müsse, damit er etwas lerne. Seinen Ansatz kann ich verstehen, wenn ich an das Kind denke, das sich die Finger verbrannt hat, und dann ängstlich auf die Herdplatte schaut, wenn sie eingeschaltet ist. Aber nein: in so vielen Situationen ist Angst hemmend und lähmend und blockiert grundlegende Entwicklungen, die angstfrei möglich wären. Aber schliesslich ist es ja auch nicht Angst, die wir haben müssen, wenn wir dieser Tage im überfüllten Tram jemanden husten hören. Es ist schlicht gesund und hilfreich, wenn die Vernunft uns aufmerksam sein lässt und vorsichtig im Umgang miteinander, weil wir uns und andern gutes Gelingen in diesen Tagen ganz besonders gönnen.

Eleonora Knöpfel

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Ungefähr

(Text vom 21. Juni 2020)

Vieles wollen wir genau wissen, nicht nur ungefähr. Nur liegen wir damit manchmal genau falsch. Mein Namenstag ist der längste Tag des Jahres – meistens, oft, aber nicht immer. Weil die Dauer der Erdrotation und jene der Erdumlaufbahn nicht wie Zahnräder eines Uhrwerks in einem einfachen Verhältnis zueinander stehen, kennen wir Schaltjahre und dann auch wieder ausfallende Schaltjahre. Und so kommt es, dass mein Namenstag zwar in der Mehrzahl der Fälle, aber nicht immer der längste Tag des Jahres ist. Dieses Jahr fällt die Sommersonnenwende auf den 20. Juni und macht diesen zum längsten Tag des Jahres. 2016 war auch ein Schaltjahr der 21. Juni aber trotzdem der längste Tag. Astronomen und Mathematiker können das natürlich voraussagen, für uns Laien gibt es aber keine einfache Regel. Ausser, dass die Sommersonnenwende am oder um den 21. Juni stattfindet.
Nicht selten bringt uns eine ungefähre Antwort weiter als eine genaue. Ich, beispielsweise, bin im grossen und ganzen ein pünktlicher Mensch. Trotzdem bevorzuge ich im Alltag die Analoguhr. Ich sehe auf einen Blick, wie gross die Zeitspanne ist, die mir für den Weg zum Treffen noch bleibt. «Ungefähr zehn Minuten» sind für mich die bessere Information als «neun Minuten und fünfzig Sekunden».
Vieles im Leben ist relativ. Und vielleicht gilt das sogar für unseren Blick auf unseren Mitmenschen. Können wir ihm trauen, uns auf ihn verlassen? Weil wir nicht mit jedem erst ein ganzes Leben verbringen können, soll es uns reichen, wenn wir unser Gegenüber als «eher guten Menschen» einschätzen können. Denn so ganz genau wissen wir es ja nicht einmal von uns selber.

Alois Schuler

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Sozialfall Mensch

(Text vom 20. Juni 2020)

Der Mensch ist nicht zum Alleinsein geschaffen. Er braucht einen andern Menschen, mit dem er reden kann. Weil viele nicht so leicht einen Zuhörer oder eine Gesprächspartnerin finden, oder zumindest niemanden, der ihnen mit einem Rat zur Seite steht, wenn das Leben unübersichtlich wird, rufen sie an. Die einen zum Krankenkassentarif ihren Therapeuten, andere für 270 Franken in der Stunde beim Fernseh-Hellseher Mike Shiva, wieder andere kostenlos bei der Nummer 143.
Ginge es nur um das Reden, würden es Katzen und Hunde oder auch ein Goldfisch auch tun. Die meisten Menschen suchen aber das Gespräch. Sie brauchen oft nicht einmal einen Wahrsager oder Ratgeber. Sie suchen ein Gegenüber, dem sie vertrauen können. Jemanden, der unterstützt, aber auch Fragen stellt. Denn allein verirrt sich ein Mensch schnell in seinen Gedanken. Auch für das Gespräch gilt: vier Augen sehen mehr als zwei.
Die meisten Menschen haben ihre Gesprächspartner gefunden. Aber auch sie kommen bisweilen in aussergewöhnliche Situationen, die sie mit einem unbeteiligten Dritten besprechen möchten. Und weil es vielleicht um eigene Schwächen geht, um grundsätzliche Zweifel am eigenen Lebensentwurf, möchten sie darüber in einem geschützten Rahmen sprechen.
Es gibt viele seriöse Möglichkeiten, sich auszusprechen und Rat zu suchen. Die Dargebotene Hand bietet Anonymität, ein Gespräch mit einer Seelsorgerin oder einem Seelsorger kann entlasten und trösten. Auch viele Ärzte und Therapeuten sind geschult für ein hilfreiches Gespräch. Wo immer ein Mensch schwer zu tragen hat, soll er einen Menschen finden, mit dem er darüber sprechen kann. Es ist nicht gut, wenn er allein bleibt. Der Mensch ist geschaffen als soziales Wesen.

Alois Schuler

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Das Herz Jesu

(Text vom 19. Juni 2020)

Am dritten Freitag nach Pfingsten feiert die Kirche das Hochfest des Heiligen Herzens Jesu. Das Symbol des Herzens scheint selbsterklärend zu sein. Auch in der Tradition der Kirche hat es einen festen Platz. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gehörte die Herz-Jesu- Andacht zum Grundbestand katholischer Identität.
In der hochmittelalterlichen Frömmigkeit spielte die Verehrung der Wunden Jesu, besonders die der durchbohrten Seite eine grosse Rolle. Der Beginn der Verehrung des Herzens Jesu ist bereits in der Passionsfrömmigkeit eines Bernhard von Clairvaux, Franz von Assisi, Katarina von Siena und bei vielen ihrer Zeitgenossen zu suchen. Das Herz Jesu ist in dieser Betrachtung der Ausdruck des innersten Geheimnisses Jesu, aber auch Quelle der Sakramente und der Kirche.
Mit der Zeit ist die Darstellung des Herzens Jesu immer plastischer geworden. Jesus mit geöffneter Brust und einem brennenden, teilweise mit Dornen gekröntem Herzen, oder Jesus, der das Herz dem Betrachter darreicht, gehört ab dem 17. Jahrhundert zum Standard von katholischen Kirchen und Haushalten und Vereinen. Zahlreiche Kirchen zu Ehren des Herzens Jesu entstehen. Eines der wohl berühmtesten Beispiele ist die eindrucksvolle Basilika Sacré-Coeur auf dem Pariser Montmartre.
Im 19. Jahrhundert fügte Papst Pius IX das Hochfest des Herzens Jesu in den liturgischen Kalender ein. Die liturgischen Texte öffnen die in der Zwischenzeit entstandene individualistische Engführung wieder auf ihren alten biblischen und patristischen Bezug hin. So heisst es in der Präfation, der Eröffnung des eucharistischen Hochgebetes des Festes: „Am Kreuz erhöht, hat er sich für uns dahingegeben aus unendlicher Liebe und alle an sich gezogen. Aus seiner geöffneten Seite strömen Blut und Wasser, aus seinem durchbohrten Herzen entspringen die Sakramente der Kirche. Das Herz des Erlösers steht offen für alle, damit sie freudig schöpfen aus den Quellen des Heiles“
Papst Franziskus schliesslich knüpft durch seine unermüdliche Betonung der Barmherzigkeit auf seine Art an die alte jesuitische Frömmigkeit an und weist auf den unauflösbaren Zusammenhang zwischen persönlicher Christusbeziehung und zwischenmenschlicher und politischer Verantwortung hin.

Georg Schimmerl
auf der Homepage der Erzdiözese Wien.

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Verhältnismässig

(Text vom 18. Juni 2020)

Es ist offensichtlich nicht selbstverständlich, dass unsere Reaktionen auf Unliebsames eigentlich angemessen sein sollten. Eine «süsse Rache» etwa besteht gerade darin, dass sie nicht nur «mit gleicher Münze» zurückzahlt, sondern unter Einsatz destruktiver Phantasie noch «eins draufsetzt». Das menschliche Bedürfnis, durch Vergeltung wieder Gerechtigkeit herstellen zu wollen, führt oft in eine Eskalation. Der Nachbar ärgerte uns mit dem Hochdruckreiniger, jetzt holen wir den Presslufthammer. 
Verhältnismässig sollten unsere Reaktionen sein. Wo uns aber ein Schaden entstand, machen wir zu Recht Anspruch auf Schadenersatz geltend. Das meint übrigens auch das immer wieder falsch zitierte «Auge um Auge». Das Buch Exodus spricht ausdrücklich vom Ersatz, der geleistet werden soll, wenn ein Mensch verletzt wurde (Ex 21,18-27). Wenn einer im Streit verletzt wird, nach einer gewissen Zeit aber wieder gesundet, so soll ihm der andere Ersatz für die Arbeitsunfähigkeit und für die Heilungskosten geben. Bei bleibenden Schäden aber soll er zahlen: Den Wert eines Auges für ein Auge, oder den Wert eines Zahns für einen Zahn.
Es ist nicht immer einfach, im konkreten Fall das angemessene Mass einer Reaktion zu bestimmen. Der Grundsatz der Verhältnismässigkeit, der bei uns auch dem staatlichen Recht zugrunde liegt, will wie das in der Bibel überlieferte sogenannte Talionsprinzip das weitere friedliche Zusammenleben in der Gesellschaft ermöglichen. Wenn nicht alles immer schlimmer werden soll, darf nicht der Schaden des Gegners oder Feindes das Ziel sein, sondern die Wiedergutmachung unseres Schadens. Das ist angemessen.

Alois Schuler

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Schöpfungslied

(Text vom 17. Juni 2020)

Welches Lied in unserem Gesangbuch ist mir das liebste Schöpfungslied? Ich kann es nicht genau sagen. Wenn der Text mir gefällt, dann heisst das noch lange nicht, dass mir auch die Komposition dazu gefällt. Manchmal liegt mir der grosse jubilierende Lobpreis näher, ein anderes Mal die fast puristische inhaltliche Reduktion eines Liedtextes von Kurt Marti «In uns kreist das Leben, das uns Gott gegeben, kreist als Stirb und Werde dieser Erde. Gottes Kreaturen füllen Hügel, Fluren. Ohn sie kann’s kein Leben für uns geben. Schön im Stirb und Werde kreist die Mutter Erde, trägt, was ihr gegeben: Gottes Leben.» Und manchmal habe ich ein Schöpfungslied vor Augen, das eigentlich ein Bild vom Michelangelo ist: die Erschaffung Adams. Und der klitzekleine Abstand zwischen dem Finger Gottes und dem des Menschen ist die unvergesslichste Schöpfungsmelodie die ich mir vorstellen kann und dennoch gar nicht höre. Das Nichts dazwischen macht jede Komposition und jeden Text überflüssig.

Eleonora Knöpfel

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Mein Mist

(Text vom 16. Juni 2020)

Das Pferd macht den Mist in dem Stall,
und obgleich der Mist Unsauberkeit und üblen Geruch an sich hat,
so zieht doch dasselbe Pferd denselben Mist
mit grosser Mühe auf das Feld;

und daraus wächst der edle schöne Weizen
und der edle süsse Wein, der niemals so wüchse,
wäre der Mist nicht da.

Nun, dein Mist, das sind deine eigenen Mängel,
die du nicht beseitigen, nicht überwinden noch ablegen kannst,
die trage mit Mühe und Fleiss auf den Acker des liebreichen Willens Gottes
in rechter Gelassenheit deiner selbst.

Johannes Tauler
(† 16. Juni 1361)

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Der Knecht

(Text vom 15. Juni 2020)

Melchior Zinsli, ein Bergbauer aus dem Safiental war überrascht, als es nach dem Eindunkeln an die Tür klopfte und der Papst davor stand. Er war alleine gekommen mit Hilfe eines Gardisten. Melchior stellte Milchkaffee und Brot mit Käse auf den Tisch und zeigte ihm später die Knechtekammer. Auch ein altes Nachthemd konnte er ihm anbieten. Nach dem Zeitpunkt der Tagwache fragte der Papst noch, und halb sieben war für ihn wunderbar, eine Stunde später als im Vatikan. Melchior Zinsli hatte dem Papst einen Brief geschrieben, als er im Landboten in einem Interview gelesen hatte, dass der Papst sich als Knecht der Menschen bezeichnet hatte. Er sei alleine auf der Alp und drei Tage Hilfe könne er gut gebrauchen. Einen Ortsplan hatte er auch gleich mitgeschickt. Der Papst schritt den ganzen Tag hinter Melchior mit seinem Rapid her und verzettelte Gras, um am folgenden Tag mit dem Rechen Häuflein zu machen, die sie am dritten Tag einbrachten. Während der Arbeit sprachen sie über Gott und die Welt, der Papst mehr über die Welt, Melchior mehr über Gott. Der Papst sagte zum Abschied, dass er sowas Vernünftiges schon lange nicht mehr erlebt habe, Melchior solle ihm schreiben, wenn er nächstes Jahr Hilfe brauche, er würde dann selber mit dem Rapid die Hänge abmähen, er knattere so schön. Der Papst stieg in den Heli und flog heimwärts. Melchior schrieb am selben Abend einen Brief an eine Heiratsvermittlung. Ihm war klargeworden, auf diese Art von Hilfe sei kein Verlass, ein zweites Mal würde er den Papst nicht einladen, denn an den Rapid gehört nun mal der Meister und nicht der Knecht.

nach Franz Hohler

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Wenn mehrere Faktoren zusammentreffen…

(Text vom 14. Juni 2020)

Es war das schlimmste Eisenbahnunglück, das es bis zu diesem Tag auf dem europäischen Festland je gegeben hatte. Am 14. 1891 Juni starben beim Einsturz der Eisenbahnbrücke in Münchenstein 73 Menschen, 171 weitere wurden verletzt. Und wie so oft im Leben passiert etwas erst dann, wenn mehrere Fehler gleichzeitig geschehen. Weil so viele Leute mit diesem Zug reisen wollten, wurden im letzten Moment zwei zusätzliche Personenwagen eingereiht und eine zweite Lokomotive vorgespannt. Das war noch kein Fehler, nur eine zusätzliche Last. Dann aber fuhr der Zug deutlich schneller als erlaubt und bremste dann auf der Brücke, die selber eine Kurve bildete. Weil diese Brücke, wie später die Untersuchung ergab, aber durch ein früheres Hochwasser Schäden erlitten hatte, brach das Bauwerk unter den durch den bremsenden schweren Zug verursachten Kräften ein.
Das Unglück hatte auch positive Folgen: Zum einen wurden schweizweit die Baunormen für Eisenbahnbrücken angepasst. Zum andern errichtete die Basler Familie Zaeslin im Andenken an zwei bei diesem Unglück verstorbene Familienmitglieder die Stiftung Hofmatt, heute das Alters- und Pflegeheim von Münchenstein.
Und die Moral von der Geschichte: Fehler, die wir machen, können sich mit Fehlern anderer zu Katastrophen addieren. Wer sich am Steuer ablenken lässt, kann nicht immer davon ausgehen, dass alle andern aufpassen. In der Mathematik gibt minus mal minus plus. Im Leben ist das schnell mal anders. In seltenen Fällen aber entsteht aus einem Unglück Gutes.

Alois Schuler

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Peanuts - Kleinigkeiten

(Text vom 13. Juni 2020)

The Peanuts ist eine erfolgreiche amerikanische Comicsendung. Zwei Comicfiguren-Kinder, Charly Brown und Lucy, stehen in einer Szene nebeneinander. Er senkt den Kopf tief hinunter und erklärt ihr dabei, wie er jeweils hin stehe, wenn er deprimiert sei. Und er sagt weiter, dass es dabei besonders wichtig wäre, eine sichtbare Haltung der Niedergeschlagenheit einzunehmen. Das Verkehrteste was man machen könne, sei mit erhobenem Kopf dazustehen, weil man sich sonst sofort besser fühlen würde. Wenn man also seine Niedergeschlagenheit auskosten wolle, etwas davon haben wolle, dann wäre die Haltung mit dem Kopf nach unten besonders wichtig.
Es ist richtig: Würde er aufrecht dastehen, wäre es ihm nicht möglich, so perfekt niedergeschlagen zu sein.
So ein kleiner Blick in die Welt „kluger Kinder“ öffnet dann und wann den Blick auf eigene Strategien. Und tatsächlich, wie sollte jemand wissen, wie sich Charly Brown fühlt, wenn er immer erhobenen Kopfes herumgehen würde.

Eleonora Knöpfel

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Trostlos

(Text vom 12. Juni 2020)

Trostlos, sagte mir gestern jemand beim Hausbesuch. Trostlos, ja, das Wetter vielleicht. Und vielleicht das Leben, das kann schwer drücken und sich in ungeahnte Richtungen verdrehen. Trostlos in der Krankheit, trostlos in der zunehmenden Schwäche des Alters. Trostlos, weil eine Prüfung in die Hose gegangen ist. Trostlos, weil der wirtschaftliche Erfolg in diesen Tagen zusammen gebrochen ist oder ausbleibt. Trostlos, weil die Flucht in die Schweiz zur Illusionsfalle geworden ist. Trostlos, weil eine Liebe verletzt ist. Felix Mendelssohn hat den Propheten Elias musikalisch so wunderbar verpackt. Wenn Sie heute trostlos sind, klicken Sie hinein, Sie sind ja gerade im Netz. Sie werden mit der nötigen Bereitschaft Tröstliches hören, nicht wegen der Worte, sondern wegen der tröstlichen Musik.
«Herr, höre unser Gebet!» Ich vermute, sie werden sich in diese Komposition verlieben!

Eleonora Knöpfel

Hier können Sie den Text hören und mit untenstehendem Link die Musik und einige Impressionen einer Aufführung des Werkes via Youtube erleben.

«Herr, höre unser Gebet!» Felix Mendelssohn-Bartholdy, Elias

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Dank

(Text vom 11. Juni 2020)

Lobe den Herrn, meine Seele,
und alles in mir seinen heiligen Namen.
Lobe den Herrn, meine Seele
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Der dir all deine Schuld vergibt
und all deine Gebrechen heilt,
der dein Leben vor dem Untergang rettet
und dich mit Huld und Erbarmen krönt;
der dich dein Leben lang mit seinen Gaben sättigt,
wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert.
Der Herr ist barmherzig und gnädig,
langmütig und reich an Güte.
Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der Herr über alle, die ihn fürchten.
Lobt den Herrn, all seine Scharen,
seine Diener, die seinen Willen vollziehen!
Lobt den Herrn, all seine Werke,
an jedem Ort seiner Herrschaft!
Lobe den Herrn, meine Seele!

aus Psalm 103

Hier können Sie den Text hören.

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Antwort geben

(Text vom 10. Juni 2020)

Wenn Not herrscht oder droht, wünschen wir uns einen Bundesrat oder Vereinsvorstand, der sich mit voller Energie für das Land oder den Verein einsetzt. Und wenn wir vom Handlungsbedarf überzeugt sind, geben wir dem Führungsorgan noch zusätzliche Kompetenzen. Denn in solchen Momenten geben wir gerne alle Verantwortung nach oben ab. Stimmt allerdings die Marschrichtung aus unserer Sicht nicht, wollen wir – an der Urne oder in der Versammlung – selber entscheiden.
Ob auf Ebene des Bundes, ob in Vereinen oder in der Kirchgemeinde: In der Regel stimmt das Mass bei der Gewaltenteilung ganz gut. Und in der Regel haben wir doch ordentlich Vertrauen in die Exekutiven, ob Vorstand oder Bundesrat. Dort, wo wir aber gefragt sind, sollten wir auch Antwort geben. In Form von Partizipation. Und sei es, dass wir Ja sagen oder gar applaudieren. In diesen Wochen finden Kirchgemeinde- und Gemeindeversammlungen statt. Wenn es nicht umstrittene Geschäfte sind, die uns dorthin locken, sollten wir wegen jenen gehen, die vorne sitzen, jenen, die sich in letzter Zeit doch ganz ordentlich für das Gemeinwohl eingesetzt haben.

Alois Schuler

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Reflexionen

(Text vom 09. Juni 2020)

Lebenserfahrungen mit Freude und Rückschlägen, mit Höhen und Einbrüchen; viele Menschen reflektieren zur Zeit in Gesprächen und im eigenen Rückzug mit wenig Kontakt ihre Lebensstationen. Es ist spürbar wieviel Dankbarkeit dabei zum Ausdruck gebracht wird. Es ist erstaunlich, mit welcher Beharrlichkeit die Umstände des Lebens mit Fotos und alten Briefen zum Leben gebracht werden. Fast erscheinen diese Wochen und Tage wie eine grossangelegte Lebens-Haltestelle. Und an dieser Haltestelle sitzt auch Gott und unser Glaube an ihn. Der Glaube ist komplex und anspruchsvoll, er lebt aus dem Herzen. Mit dem Verstand ist er nicht zu klären. Und der Blick auf das hinter uns liegende Leben, und die Schlüsse die wir daraus ziehen, lassen Sören Kierkegaard sprechen: «Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es vorwärts.» Ich denke, es hilft zurück zu schauen und mit der Kraft des Vergangenen vorwärts zu gehen.

Eleonora Knöpfel

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Psalm 30

(Text vom 08. Juni 2020)

Ich will dich rühmen, Herr,
denn du hast mich aus der Tiefe gezogen
und lässt meine Feinde nicht über mich triumphieren.

Herr, mein Gott, ich habe zu dir geschrien
und du hast mich geheilt.

Herr, du hast mich herausgeholt aus dem Reich des Todes,
aus der Schar der Todgeweihten mich zum Leben gerufen.

Singt und spielt dem Herrn, ihr seine Frommen,
preist seinen heiligen Namen!

Denn sein Zorn dauert nur einen Augenblick,
doch seine Güte ein Leben lang. Wenn man am Abend auch weint,
am Morgen herrscht wieder Jubel.

Im sicheren Glück dachte ich einst:
Ich werde niemals wanken.

Herr, in deiner Güte
stelltest du mich auf den schützenden Berg. Doch dann hast du dein Gesicht verborgen.
Da bin ich erschrocken.

Zu dir, Herr, rief ich um Hilfe,
ich flehte meinen Herrn um Gnade an.

(Ich sagte:) Was nützt dir mein Blut, wenn ich begraben bin?
Kann der Staub dich preisen, deine Treue verkünden?

Höre mich, Herr, sei mir gnädig!
Herr, sei du mein Helfer!

Da hast du mein Klagen in Tanzen verwandelt,
hast mir das Trauergewand ausgezogen und mich mit Freude umgürtet.

Darum singt dir mein Herz und will nicht verstummen.
Herr, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit.

(Einheitsübersetzung 1980)

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Wind und Sonne

(Text vom Dienstag, 07. Juni 2020)

Biblische Texte des Neuen Testamentes sind häufig mit Geschichten durchzogen. Wenn Jesus ins Erzählen kommt, dann werden seine Geschichten besonders lebendig und greifbar; sie verwachsen mit unseren vielfältigen Erfahrungen. Entscheidend ist: Jesus erzählt so, dass wir Teil seiner Botschaft werden.
Wir alle lassen uns eigentlich nicht wirklich gerne von andern was sagen. Viel lieber lassen wir uns etwas erzählen. Das hat Jesus erfasst, und deshalb konnte er wunderbar in Bildern sprechen. Von ihm kommt die folgende Geschichte nicht. Aber sie versucht aufzuzeigen, mit welcher Liebe Jesus erzählt hat.
«Der Wind und die Sonne stritten sich, wer es wohl schaffen würde, den einsamen Wanderer dazu zu bringen, seinen Mantel auszuziehen. Der Wind blies und stürmte und der arme Mann zog seinen Mantel immer fester um seinen Leib. Dann war die Sonne dran. Liebevoll sandte sie ihre Strahlen aus und schon bald öffnete der Mann den obersten Mantelknopf und kurze Zeit später zog er den Mantel ganz aus.»  (Verfasser unbekannt)

Eleonora Knöpfel

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Eisheilige

(Text vom Dienstag, 06. Juni 2020)

Vor drei Wochen, am 15. Mai, hatte die kalte Sophie ihren Tag. Ab dann sollte man, so lautet die Bauernregel, keinen Frost mehr befürchten müssen. Einen Rückfall in eine als überstanden erhoffte Situation befürchten nicht nur Landwirte und (Hobby-)Gärtner im Frühjahr, wir alle müssen damit rechnen, dass die Pandemie uns nochmals mit einer (oder mehreren) Wellen treffen wird. Und wie man mit dem Pflanzen meist nicht bis nach den Eisheiligen warten kann – und auch dann noch keine Sicherheit hat -, so ist es nun auch mit dem gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben. Es bleibt ein Risiko. Wir wollen nicht leichtsinnig sein, wer aber jedes Risiko vermeiden will, wird weder Blumen noch Kräuter auf dem Balkon oder im Garten haben.

Für den Moment mag der Vergleich der Frühjahrspflanzung mit unserer Situation angehen. Die jetzt noch gemeldeten Ansteckungen sind wie vereinzelter lokaler Bodenfrost. Nur dass die auftretenden Minusgrade im Frühjahr schnell seltener werden, während die Ansteckungen das Potential in sich tragen, wieder zahlreicher zu werden. Wie wir bei unseren Balkon- oder Gartenpflanzen bei entsprechender Warnung bis Mitte Mai überlegt haben, wo es besondere Schutzmassnahmen braucht, weil ein Verlust uns zu sehr schmerzen würde, so müssen wir für uns und jene, denen wir nahestehen, weiterhin das Risiko im Auge behalten. Wir sollten also weiterhin vorsichtig sein, gleichzeitig aber das Leben und unsere Beziehungen normalisieren, wo es geht. Und den kleinen lokalen Bodenfrost unterscheiden von Nächten mit flächendeckendem Frost. Mit anderen Worten, die Heiligen Gottes mögen uns darin unterstützen, mit Zuversicht in den Sommer zu gehen.

Alois Schuler

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Haltestille

(Text vom Dienstag, 05. Juni 2020)

Hunderte von Haltestellen im Tramnetz von Zürich gibt es, viele Stationen an der Bahnhofstrasse. Eine eintägige Weiterbildung hat mich in Zürich an einer Haltestille vorbeigeführt. Etwas kurz irritiert habe ich mir diese Formulierung angeschaut. Die Haltestille ist offen für Menschen jeglichen Alters, unabhängig von ihrer Konfession oder Religion.

Die Haltestille will ein Unterbruch sein:

  • Ein Halt der Stille für den Blick auf das Wesentliche im Leben – fragen wir uns, was jetzt gerade das Wesentlichste für uns ist?

  • Ein Ort der Kraft für den Alltag – fragen wir uns, aus welcher Kraft wir heute leben wollen, können und werden?

  • Ein Raum der Begegnung mit der Möglichkeit zu persönlichen Gesprächen – fragen wir uns, mit wem wir heute noch Kontakt haben möchten, über die Plauderecke hinaus, ein Gespräch auf Augenhöhe? Ich hoffe, dass die Haltestille uns alle heute ermutigt!

Eleonora Knöpfel

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Sommer

(Text vom Dienstag, 04. Juni 2020)

Die Tage sind länger geworden,
die Sonne scheint wärmer
Und bald schon kommt die Ferienzeit.
Wir beginnen, freier zu atmen.

Wann hatten wir zuletzt Gäste?
Der Tisch ist lang genug
Und unser Grill hat Platz für weitere Würste
Nicht alles geht per Telefon.

Das Leben macht wieder mehr Freude
Und Freude, geteilt, schafft Freunde
Lass uns das Leben feiern
als Mensch gemeinsam mit Menschen.

Alois Schuler

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Fingerspitzengefühl

(Text vom Dienstag, 03. Juni 2020)

Spüren Sie, wie wir uns langsam an die Normalität herantasten? Kann es Ihnen nicht rasch genug gehen oder sollten wir es langsamer anpacken? Selber fühle ich mich sehr zerrissen mit diesen zwei Fragen. Verständlich, dass jetzt die Decke manchmal nahe über dem Kopf schwebt und fast darauf fällt. Doch; selbst wenn alle Türen für alle Leute wieder offen sind – es ist ein zerbrechliches Wohlgefühl zu meinen, wenn alle Freiheiten wieder gegeben sind, dass dann alles ausgestanden ist. Für den unsicheren Schritt hinaus in die Lockerung von Kontakten und hinaus in die Umgebung, hinaus zum Einkauf brauchen wir viel Fingerspitzengefühl, mehr noch als Trittsicherheit. Und wir brauchen GOTT MIT UNS wie er Mose zugesagt ist. Diesen Gott, der in uns brennt und uns dennoch nicht verbrennt, wenn wir vorsichtig auf das Feuer achten. Moses Antwort ist volle Bereitschaft in Offenheit und Verfügbarkeit: «Hier bin ich!» (Ex 3,4). Gehen wir es an mit bereitschaftlicher Vorsicht!

Eleonora Knöpfel

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Segen

(Text vom Dienstag, 02. Juni 2020)

Mein Bedürfnis Märchen zu sehen, zu hören oder zu lesen ist noch immer ungebrochen gross. Frau Holle zum Beispiel: Sie überschüttet die Goldmarie wegen ihres tollen Einsatzes mit Gold. Auch wenn wir uns einsetzen; Gold wird uns kaum geschenkt deshalb. Doch wir glauben an etwas noch viel Kostbareres; daran, dass Gottes Segen über uns kommt, ganz ohne unsere Vorleistung. Einfach weil wir seine Geliebten sind als Teil seiner Schöpfung. In schweren Tagen und in guten Tagen. Wir wollen uns ihm und seinem Segen unterstellen, ihn darum bitten und daran glauben: es wird gut!

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott,
sei mit uns durch deinen Segen.
Dein Heiliger Geist, der Leben verheisst,
sei um uns auf unsern Wegen,
dein Heiliger Geist, der Leben verheisst,
sei um uns auf unsern Wegen. (E. Eckert)

Ich höre noch immer gerne Märchen. Aber noch mehr als auf den Goldrausch bei Frau Holle setze ich auf die segnende Hand Gottes, wenn wir auf ihn vertrauen.

Eleonora Knöpfel

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Pfingstsequenz

(Text vom Pfingstmontag, 01. Juni 2020)

Locke uns heraus,
locke uns achtsam zu sein,
Du, heiliger, heilender Geist.

Rühre uns an,
rühre das kalte Herz,
Du, heiliger, tröstender Geist.

Bleibe bei uns,
bleibe in unserer Zeit,
Du, heiliger, ewiger Geist.

Wag es mit uns,
wage neuen Beginn,
Du, heiliger, schöpferischer Geist.

Geist, der uns fühlen lehrt,
der unser Denken lenkt,
unsere Sinne heilt,
liebend umfängt.

Geist, der uns offen macht,
uns neues Sehen schenkt,
Augen für Deine Welt,
sorgsam erhellt.

Geist, der die Welt erhält,
mit seinem Atem füllt,
Erde und Meere schuf,
aufs Wort gestellt.

Geist, der zur Einheit führt,
trennende Mauern bricht,
Völker zusammen bringt,
im Dienst der Welt.

Geist, der das All durchweht,
Menschen ins Leben ruft,
ihnen das Heute gibt,
ewige Zeit.

Notker balbulus, Notker der Stammler

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Beweglicher als alle Bewegung

(Text vom Pfingstsonntag, 31. Mai 2020)

In der Weisheit ist eine Geistkraft: verständig, heilig, einzigartig, fein, leichtbeweglich, durchdringend, unverletzlich, das Gute liebend, wohltätig, alles überschauend. Die Weisheit ist beweglicher als alle Bewegung, in ihrer Reinheit durchzieht und durchdringt sie alles. Sie ist ein Hauch Gottes und ein Widerschein ewigen Lichts. (Spr 7, 22ff.)

Weisheit würden wir doch eher mit etwas Statischem, Altehrwürdigem in Verbindung bringen. Erstaunlich ist bei der biblischen Auffassung, wie hier im Buch der Sprüche Salomos,die Beweglichkeit und Leichtigkeit der Weisheit, die allem zugrunde liegt.

Wenn die Weisheit, der Atem, der Hauch Gottes alles durchdringt, sind auch wir Menschen erfüllt von dieser beweglichen Weisheit. Sie lässt uns mit allen und allem verbunden sein, auch über jede äussere Distanz hinweg und das ist sehr tröstlich.

Im Atemhaus (Rose Ausländer)

Unsichtbare Brücken spannen
von dir zu Menschen und Dingen
von der Luft zu deinem Atem

Mit Blumen sprechen
wie mit Menschen
die du liebst

Im Atemhaus wohnen
eine Menschblumenzeit

Inga Schmidt

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Die Legende von der Pfingstrose

(Text vom Pfingstsamstag, 30. Mai 2020)

Eine alte Legende erzählt uns, wie die Pfingstrose zu ihrem Namen kam.

Es war zu der Zeit als Jesus mit seinen Jüngern durch Galiläa zog. Eine Frau, mit Namen Ruth, hörte von Jesus und ging ihm aus ihrer Stadt entgegen. Sie lauschte seinen Reden, in denen er vom Reich Gottes berichtete, sie staunte darüber, wie er Kranke heilte und wie er Kinder segnete. Vielen Menschen brachte er mit seinem Wirken Hoffnung in ihren oft schweren Alltag.

Bei einer späteren Begegnung sagte ihr ein Jünger, dass Jesus verurteilt worden war und am Kreuz gestorben war. Ruth fiel in tiefe Trauer und suchte weinend Trost in ihrem Rosengarten. Nach vielen Tagen kehrte der Jünger in die Stadt zurück. Er sprach nun davon, dass Jesus vom Tode auferstanden und aufgefahren sei in den Himmel zu seinem Vater.

Auch vom Geschehen an Pfingsten erzählte er. Wie sich die Menschen zu einer Gemeinde versammelt hatten und wie der Heilige Geist über sie gekommen sei wie ein Wind und sie alle in Erstaunen und Ehrfurcht versetzte.

Voller Freude über diese Nachricht ging Ruth in ihren Rosengarten. Ein Wunder war dort geschehen. Vor ihren Augen breitete sich eine Blütenfülle aus und es erklang liebliche Musik. Die Sträucher waren alle mit herrlichen Rosen bedeckt. Doch diese Rosen hatten keine Dornen, sie waren zu Pfingstrosen geworden.

Heidi Stark

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Und plötzlich wird alles anders!

(Text vom 29. Mai 2020)

Ein Virus schlägt um sich, selbst unsichtbarer, doch mit grosser Wirkung. Frauen und Männer, die für die Gemeinschaft Verantwortung tragen, mussten entscheiden, einschneidend. Wir alle sind betroffen, sind verständnisvoll, vertrauend, aufgeregt oder empört. Vieles wurde in diesen Wochen arg in Mitleidenschaft gezogen, vieles ging kaputt: Träume, Hoffnungen, ja, auch Existenzen. Und plötzlich, unerwartet und ohne so genannt zu werden, greift die Botschaft Jesu als neues Virus der Hoffnung um sich:«Solidarität». Die Regierung mahnt sie an, grosse Unternehmen werben dafür, Plakate rufen sie uns zu. Junge und Alte leben sie, neu entdeckt wird sie vielen zum selbstverständlichen Alltag. Ja, es macht Sinn zu beten:

Komm herab, o Heil'ger Geist,
der die finstre Nacht zerreisst,
strahle Licht in diese Welt.

Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.

Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.

Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.

Felix Terrier

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Heilige Corona

(Text vom 28. Mai 2020)

Während ich die letzten Wochen Arbeiten im Freien bevorzugte, kommt mir der heute regnerische Tag gelegen, um Erinnerungen zu ordnen. Dabei beginne ich mit der Heiligen Corona. Genau vor einem Jahr fuhr ich zusammen mit einem Freund von Zernez durch das Etschtal nach Verona. Dabei entdeckten wir unterwegs aus sicherer Distanz den Wallfahrtsort Madonna della Corona, einer der höchstgelegenen Wallfahrtsorte Italiens. Wir knipsten Fotos und fuhren weiter.

Heute, aufgrund der Corona-Epidemie, lohnt es sich, über die Heilige Corona einige Gedanken zu spinnen. Sie wird insbesondere in Seuchenzeiten angerufen. Diesen Impuls nehme ich gerne auf und bete:

Heilige Corona, auch wenn ich bis jetzt zusammen mit meinem Umfeld
von diesem Virus und dessen Folgen verschont geblieben bin,
bitte ich dich aus der Tiefe meines Herzens für alle Menschen,
die existentiell, physisch und psychisch betroffen sind, um deine Hilfe.

Zusammen mit Gottes Segen und der Fürsprecherin der Heiligen Corona hoffen wir,
dass wir den Weg gestärkt aus dieser Pandemie zurück in den Alltag finden.

Franz Portmann

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Der gute Hirte

(Text vom 27. Mai 2020)

Schon sechs Wochen im Corona-Modus. Für mich bedeutet das, täglich etwa zwei Stunden allein zu Fuss unterwegs und jeweils erfreut sein, wenn ich jemandem Bekannten begegne und mich kurz austauschen kann.
Mir ist aufgefallen, wie viele kleinere und grössere Schafherden in unserer Region im Freien weiden, meistens umzäunt von einem mobilen Maschengehege. Einen Hirten habe ich nie angetroffen; es muss ihn aber geben, denn ab und zu sind die Zäune wieder versetzt. Ja, und allein unterwegs wird mir bewusst, dass ich doch auch zu einer Herde gehöre. Ich bin allein und doch nicht allein, weil der Hirte meiner Herde immer da ist. Er kennt mich, auch bei meinem Namen, und er ist um mich und die ganze Herde besorgt. Er teilt mit mir die Freuden und trägt mit, wenn es einmal nicht so gut geht – immer, auch wenn ich nicht daran denke. Das zu wissen und zu spüren gibt mir eine innere spirituelle Stabilität. Es ist eine Quelle für Zuversicht und Vertrauen nach vorne.
Für Pfingsten wünsche ich mir, „meiner“ Herde und der ganzen Welt, dass die Corona-Welle gut vorüber geht, und wir Menschen bewusst sorgfältig miteinander und mit unserer Welt umgehen.

Notker Egger

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Heilige Geistkraft

(Text vom 26. Mai 2020)

Ein Bild der heiligen Geistkraft in der Klosterkirche Gutenzell hat mich tief beeindruckt. Besonders in der jetzigen verrückten und angstvollen Zeit, erfreut mich dieses fröhliche Bild, das ich im Gedächtnis habe, bei meinem Beten und bei meiner Suche nach Kraft, den Alltag zu bewältigen. Ich vertraue der Heiligen Geistkraft, dass sie mir in all den Tagen ohne Umarmungen und menschlicher Nähe, jeden Tag Kraft schenkt und jeden Tag einen Lichtblick bringt: sei es die zwitschernde Amsel vor meinem Schlafzimmer, die blühende Rose in meinem Garten oder die grosse fröhliche Entenfamilie auf der Birs.

Heiliger Geist, lasse mich erfahren, was Gott mir zugesagt hat:
Bei mir zu sein in Angst und Unsicherheit,
zu mir zu stehen in Ausweglosigkeit und Verlassenheit,
mich zu trösten, wenn ich bekümmert bin,
meine Bedürftigkeit zu Herzen zu nehmen, was immer auf mir lastet.

Er schenke mir, was ich selbst nicht geben kann:
wachsendes Vertrauen mitten in den Widersprüchen meines Lebens.

Manchmal, ganz unvermutet auf ungewähltem Pfad zu Coronazeiten
eine einsam leuchtende Blume zu meinen Füssen,
lebendiges Versprechen zwischen Stein und Stein,
genug, das Herz behutsam zu erwärmen.   
(Gebet frei nach Antje Sabine Nägeli)

Annemarie Polak

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Hoffnung

(Text vom 25. Mai 2020)

Unbeeindruckt muss gefüttert werden, damit Neues weiter gedeihen kann. In der gegenwärtigen Zeit sind Getragensein und Aufbau besonders gefragt.
Erwartung und Hoffnung, dass sich die pfingstliche Energie Gottes auswirkt: Pflichten, Aufrichten, im Positiven kreativ handeln, Zuversicht und Optimismus zeigen, Aussicht, Routine, Schutz, Anteilnahme, Denken…

Ruedi Locher

Dankbarkeit

(Text vom 24. Mai 2020)

Ob das Wirken des Geistes vor Pfingsten oder der erzwungene Stillstand aller Äusserlichkeiten dafür verantwortlich sind, weiss ich nicht. Tatsache ist aber, dass viele Menschen und auch ich in den letzten Monaten wieder gelernt haben, sich mit Dankbarkeit den kleinen Freuden des täglichen Lebens zuzuwenden und bescheidener zu werden. Wenn früher der Garten im Frühling prächtig mit neuen Pflanzen ausgestattet sein musste, freute man sich dieses Jahr an allem, was von selbst wuchs und blühte. So sah man die Natur mit neuen Augen.
Wenn früher die Ostergottesdienste nicht aufwändig genug sein konnten, durfte man heuer eine berührende eindrückliche Ostermesse im Fernsehen und Radio mithören.
Wenn ebenso viele andere im wahrsten Sinne des Wortes DIENSTLEISTENDE für selbstverständlich genommen wurden, merkte man plötzlich, wie unverzichtbar deren Wirken ist und beachtet sie von nun an (hoffentlich) mit anderen dankbaren Augen und Gedanken. Die Pandemie, welche soviel Leid und Unsicherheit über viele Menschen gebracht hat, zwingt uns auch zum Nachdenken darüber, ob wir nicht in Zukunft mehr Dankbarkeit für all die kleinen und grossen Wunder des Lebens aufbringen müssten.

Marlys Meister

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Schöpferische, heilende Grünkraft

(Text vom 23. Mai 2020)

In den vergangenen Wochen bin ich oft spazieren gegangen. Dankbar dafür, dass wir keine Ausgangssperre hatten, habe ich beglückender als sonst das zarte Grün, die duftenden Blüten der Obstbäume, den feuchten Waldboden nach dem ersehnten Regen wahrgenommen und mich gestärkt gefühlt. „Ich nehme die Blüte der Rose und Lilien und die ganze Grünheit zärtlich ans Herz, indem ich allen Gottes-Werken ein Lob singe“, schreibt Hildegard von Bingen. Sie hat die Kraft, aus der alles entsteht, auch Viriditas genannt, d.h. Grünkraft. Sie wird der Natur und uns Menschen geschenkt, aber wir müssen sie auch hüten und schützen, damit sie kraftvoll weiterwirken kann in unserer Welt.

Die Energie und Schönheit beschreibt Hildegard in einem Loblied:

O edelstes Grün, in der Sonne du wurzelst,
du leuchtest in strahlender Helle im Kreise,
den kein irdisches Sinnen begreift.
Umfangen wirst du von den Armen
der Geheimnisse Gottes.
Du schimmerst auf wie Morgenrot,
du flammst wie der Sonne Glut.

Inga Schmidt

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Alleingelassen?

(Text vom 22. Mai 2020)

Alleingelassen, könnten wir meinen, hat er uns an Auffahrt: Weg in den Himmel, halt doch «ganz Gott», letztlich weltfern. Bliebe nur das, ginge der Blick, der in den Himmel starrt, ins grenzenlos Ferne. … Aber es blieb nicht dabei. Es kam ein Feuer, das mein Herzen wärmt, es kam ein Wind, der meine Sinne bewegt, es kam eine Be-Geisterung, die Himmel und Erde verbindet, mich und IHN, für immer. Gott sei Dank!

Felix Terrier

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Christi Himmelfahrt

(Text von Christi Himmelfahrt, 21. Mai 2020)

Himmelfahrt – wer kann erklären, wie das wirklich war? Du bist doch nicht verschwunden in der blauen Luft?
So kann es nicht gewesen sein.
Ein Oben, Unten, Jenseits, Diesseits, Drüben, Hier, das gibt es doch für Dich nicht mehr, seit Deiner Auferstehung, Herr!
Das Ganze ist seither Dein Lebensraum. Ins Ganze bist Du damals eingegangen, in Deinen Urgrund, Deinen Vater, ins Ganze: «Gott».
Das war Dein Heimgang, Deine Himmelfahrt, nicht nach oben, nicht nach unten, Dein «Ort», Herr, der ist innen und ist überall.

Silja Walter
aus einer im Aargauer Volksblatt erschienen Kolumne,
zitiert aus: Silja Walter. Gesamtausgabe, Band 7, Paulusverlag.

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Im Aufstieg

(Text vom 20. Mai 2020)

Es scheint, dass unser Aufstieg noch nicht vollendet ist, dass die morgige Wahrheit sich vom gestrigen Irrtum nährt und dass die zu überwindenden Gegensätze für unser Wachstum der rechte Humus sind. Wir zählen auch die zu den unsrigen, die anders sind als wir. Aber welch merkwürdige Verwandtschaft! Sie gründet sich auf das Künftige, nicht auf das Vergangene. Auf das Endziel, nicht auf die Herkunft. Wir sind Pilger, die auf verschiedenen Wegen einem gemeinsamen Treffpunkt zuwandern.

Antoine de Saint-Expéry
Brief an einen Ausgelieferten. Zitiert nach: Worte wie Sterne. Herder Freiburg.

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Regen

(Text vom 19. Mai 2020)

«Der, den ich liebe hat mir gesagt, dass er mich braucht. Darum gebe ich auf mich Acht sehe auf meinen Weg und fürchte von jedem Regentropfen, dass er mich erschlagen könnte.»
(Bertold Brecht)
Ob Gott mich braucht, darüber haben wir schon nachgedacht vor Wochen. Dass ich ihm mit meinem Leben etwas bedeute, das dürfen wir sicher denken und sagen. Und dass wir als seine Geschöpfe in Selbstverantwortung unter allen Umständen Acht geben sollten, das versteht sich von selber. Doch: jeder Regentropfen der mir zur Zeit auf den Kopf fällt und es nicht bis in die Erde schafft, ist gehindert daran, seiner tiefsten Bestimmung nachzukommen und die Erde zu befeuchten, dass sie fruchtbar bleiben kann. Und dennoch: auch mein Kopf im Regen erfährt durch die Nässe Erfrischung und Belebung.
Ich vermag klarer zu denken.

Eleonora Knöpfel

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Ein Montagstext

(Text vom 18. Mai 2020)

Jedes Buch, jeder Text hat einen Anfang. Es gibt aber auch Texte, die uns zu einem neuen Anfang auffordern oder uns zumindest gut beim Anfangen begleiten. Zu ihnen gehören die ersten Verse des alttestamentlichen Buches Weisheit. Vielleicht kein Zufall, dass diese Zeilen an einem Montag in der liturgischen Leseordnung stehen. – Was allerdings bedeutet, dass wohl nur wenige unter uns sie je zu hören bekommen, weil ausserhalb der Klöster nur an wenigen Orten an einem Montag Gottesdienst gefeiert wird. – Um diesem Anfang aber doch einmal Gehör zu verschaffen, zitiere ich heute Montag einfach ein Stück Bibel: Weisheit, Kapitel 1, Verse 1 bis 7:
«Liebt Gerechtigkeit, ihr Richter der Erde, denkt gut über den Herrn, sucht ihn mit ganzem Herzen!  Denn er lässt sich finden von denen, die ihn nicht versuchen, und zeigt sich denen, die ihm nicht misstrauen.
Verkehrte Gedanken trennen von Gott; wird seine Macht auf die Probe gestellt, dann überführt sie die Toren. In eine Seele, die Böses wirkt, kehrt die Weisheit nicht ein noch wohnt sie in einem Leib, der sich der Sünde hingibt. Denn der heilige Geist, der Lehrmeister, flieht vor der Falschheit, er entfernt sich von unverständigen Gedanken und wird verscheucht, wenn Unrecht naht.
Die Weisheit ist ein menschenfreundlicher Geist, doch lässt sie die Reden des Lästerers nicht straflos; denn Gott ist Zeuge seiner heimlichen Gedanken, untrüglich durchschaut er sein Herz und hört seine Worte.
Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis und er, der alles zusammenhält, kennt jede Stimme.»

Weisheit 1, 1-7

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Lob der Vergesslichkeit

(Text vom 17. Mai 2020)

Gut ist die Vergesslichkeit!
Wie sollte sonst der Sohn von der Mutter gehen, die ihn gestillt hat?  Die ihm die Kraft seiner Lieder verlieh und die ihn zurückhält, sie zu erproben.
Oder wie sollte der Schüler den Lehrer verlassen der ihm Wissen verlieh?
Wenn das Wissen verliehen ist muss der Schüler sich auf den Weg machen.
In das alte Haus ziehen die neuen Bewohner ein. Wenn die es gebaut haben noch da wären wäre das Haus zu klein.
Der Pflüger erkennt den Laib Brot nicht.
Wie erhöbe sich ohne das Vergessen der Spurenverwischenden Nacht der Mensch am Morgen?
Wie sollte der sechsmal zu Boden geschlagene zum siebenten Mal aufstehen
umzupflügen den steinigen Boden, anzufliegen den gefährlichen Himmel?
Die Schwäche des Gedächtnisses verleiht den Menschen Stärke.

Bertolt Brecht

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Schwester im Glauben

(Text vom 16. Mai 2020)

Maria
Du Schwester aller, die an Christus glauben,
Du Schwester aller, die Christi Wort bewahren,
Du Schwester aller, die ihn suchen,
Du Schwester aller, die ihn nicht mehr verstehen,
Du Schwester aller, die ihm dennoch folgen,
Du Schwester aller, die ihn bitten,
Du Schwester aller, die tun, was er sagt,
Du Schwester aller, die unter dem Kreuz ausharren,
Du Schwester aller, die wider alle Hoffnung hoffen,
Du Schwester aller, die mit Christus sterben,
Du Schwester aller, die mit Christus auferstehen.

Heilige Maria, Mutter Gottes
bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen

Litanei im Katholischen Gesangbuch unter der Nummer 778

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Solidarität

(Text vom 15. Mai 2020)

Vor Corona fühlten viele Menschen zunehmend den Verlust von Solidarität. Doch nun ist der Begriff in aller Munde; Jesus von Nazareth hat ihn wie kein anderer gelebt und uns ermutigt Solidarität konsequent so zu leben, dass jede und jeder etwas von sich abgibt, dass viele andere daraus mehr Lebenshoffnung und Lebensqualität erfahren dürfen.
Jetzt haben sich Coop, Migros, Denner, das BAG, der Bundesrat den Begriff Solidarität auf die Brust gebrannt. An Schweizer Fahnenmasten weht „Solidarität“ wie ein missionarisches Bekenntnis, wo zuvor die übliche Schweizerfahne flatterte. So schön! So ganz und gar nach dem Geschmack unseres christlichen Gedankengutes. Und alle, alle nehmen ihn für sich in Anspruch während der Begriff schon etwas bröckelt, weil die einen etwas von den anderen dazu erwarten. Träumen wir davon, dass Solidarität sich etwas hinüberretten kann in die Zeit nach Corona. Solidarität für all jene, die sich bisher nie ein Flugzeug leisten konnten, nie Ferien gebucht haben, kaum täglich genügend Nahrung für ihre Kinder hatten, für alle, die aus dem Elend ihrer Heimatländer flüchten – auf der Suche nach Solidarität!

Eleonora Knöpfel

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Wenn es Gott gäbe

(Text vom 14. Mai 2020)

Kein Unglück und kein Leid auf dieser Welt
müssten wir sehen und selber erfahren
wenn es denn Gott gäbe
sagen die einen und wenden sich ab.

Das Leben beginnen als neuer Mensch
wenn Gott wirklich lebte
wäre vernünftig und klug
sagen andere und wenden sich hin.

Gott zeigt sich meist als Unbekannter
in der Gleichung unseres Lebens.
Diesen Faktor grösser null gesetzt
steht am Ende des Lebens ein Plus.

Alois Schuler

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Wo Himmel und Erde sich berühren

(Text vom 13. Mai 2020)

Über die Hügel und Dörfer der Blick in die Weite. Breit liegen sie da, viele Geschichten bergen die Häuser dieser Orte. Unzählige Menschen die darin wohnen, und nichts verrät in der Stille des Morgens etwas von dem, was sie gerade beschäftigt. Oben, über allem Geschehen, werden die Belastungen und die eigenen Lebenskrisen plötzlich anders bewertet, weil sie in einem anderen Licht erscheinen. Der Blick zum Horizont macht den Kopf zusammen mit dem Herzen ganz frei. Fast will es mir scheinen als könnte keine Last mehr zupacken. Nicht einmal der ferne Strassenverkehr stört dieses Gefühl von Entlastung. Ein Augenblick nur für dieses Gelingen; nicht mehr als ein Augenblick, aber er ist ein kostbares Geschenk des neuen Tages. Ich weiss, dass ich vom Hügel und dem Blick in die Weite wieder werde Abschied nehmen müssen. Doch der wertvolle Moment lässt mich hoffen, dass Ewigkeit ein Name für dieses wunderbare Geschehen sein könnte. Und der Ort an dem ich stehe ist dann wohl der Platz, wo Himmel und Erde sich berühren.

Eleonora Knöpfel

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Atme in mir

(Text vom 12. Mai 2020)

Atme in mir, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges denke!

Treibe mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges tue!

Locke mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges liebe!

Stärke mich, du Heiliger Geist,
dass ich Heiliges hüte!

Hüte mich, du Heiliger Geist,
dass ich das Heilige niemals verliere!

Augustinus

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Wüstentage

(Text vom 11. Mai 2020)

Wüstentage sind ein Rückzug ins Alleinsein, manchmal gelingt es darin das innere Gleichgewicht zu finden. Wüstentage sind ganz unspektakulär, einsam, oft auch geprägt von entschiedenem Verzicht. Manchmal wählen wir freiwillig einen Wüstentag in unserem Lebensprogramm. Unser Rückzug in die „Corona-Wüste“ ist unfreiwillig geschehen, vielleicht aber dennoch geeignet als Vergleich. Der heutige Tag wird zudem auch noch ein Wüstentag dadurch, dass der Himmel dunkler ist wie in den letzten 40 Tagen. Ein „wüster Tag“. Mit Ps 18 lernen wir die Kontrolle abzugeben an Gott. „Du, Gott, lässt mein Leuchten erstrahlen, mein Gott macht meine Finsternis hell. Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ Der Psalmist verzichtet in seiner Lebenswüste ganz darauf, von sich aus alles zu kontrollieren. Er übergibt sich Gott und erfährt Licht.

Eleonora Knöpfel

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Gott leben

(Text vom 10. Mai 2020)

Willigis Jäger ist wohl einer der bedeutendsten spirituellen Lehrer unserer Tage. Der Benediktiner-Mönch und ZEN-Meister ist vor etwas mehr als einem Monat gestorben. Vor vielen Jahren nach einem Vortrag habe ich sein Buch: „Die Welle ist das Meer“ gelesen. Der Buchinhalt hat mich die eigene christlich-spirituelle Praxis von einer ganz neuen Seite her beleuchten und kritisch hinterfragen lassen. In diesen Jahren habe ich dann und wann meinen Schülern den Auftrag gegeben, Gott einen Brief zu schreiben.
Ich höre aus Zeilen von W. Jäger dazu: “Nein! Einen Brief an Gott schreibe ich nicht. Wohin sollte ich ihn senden? Er ist mir doch näher als ich mir selber bin.“
Die Schüler offenbarten damals erstaunliche und intime Inhalte. Heute würde ich diese Aufgabe nicht mehr abgeben. Ich höre den Mönch nämlich weiter sagen: „
Ich schreibe Gott also keinen Brief. Ich feiere ihn als mein Leben. Gott will gelebt und nicht verehrt werden.“

Eleonora Knöpfel

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Zwischen den Zeilen

(Text vom 09. Mai 2020)

Die Bibel hat einen besonderen Stellenwert in jedem christlichen Gottesdienst. Und im Leben vieler Christen. Wir bezeichnen sie als Heilige Schrift. Doch worin liegt das Göttliche, das Heilige? Früher – und in gewissen evangelikalen Kreisen bis heute – wurde jedes Wort der Bibel als von Gott diktiert betrachtet. Entsprechend wurden naturwissenschaftliche Erkenntnisse wie die Evolution negiert und bekämpft. Wenn wir die Bibel aber als geschichtlich gewachsen betrachten, was ist sie dann mehr als ein altes Buch?
Die Bibel, das hat vor 55 Jahren das Konzil betont, ist göttlich inspiriert. Sie wurde aber von Menschen unter ganz unterschiedlichen Umständen geschrieben. Manches ist geschichtlich bedingt. Die Bibel ist aber kein Geschichtsbuch, kein Tatsachenbericht, sondern – in unterschiedlichen literarischen Gattungen – Offenbarung des Heiligen. Ob in Gedichten wie den Psalmen, ob in prophetischen Reden oder in Erzählungen: Nicht in jedem Wort, aber in jedem Text, gleichsam zwischen den Zeilen, begegnet uns die Menschenfreundlichkeit Gottes. Deshalb lohnt es, sie immer mal wieder zur Hand zu nehmen.

Alois Schuler

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Ordnung

(Text vom 08. Mai 2020)

Ordnung um der Ordnung willen beschneidet den Menschen seiner wesentlichen Kraft, der nämlich, die Welt und sich selber umzuformen. Das Leben schafft Ordnung, aber die Ordnung bringt kein Leben hervor.

Antoine de Saint-Exupéry.
Brief an einen Ausgelieferten.
Aus: Worte wie Sterne. Herder Verlag Freiburg.

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Sinn

(Text vom 07. Mai 2020)

In kaum einer Agenda ist sie vermerkt
die Suche nach dem Sinn des Lebens
doch abends im Rückblick auf unser Tun
würden wir gerne einen Sinn erkennen.

Was macht unser Dasein wirklich sinnvoll?
wann ist, was wir tun, auch richtig?
gilt immer: geben ist seliger als nehmen?
ist gut gemeint auch wirklich gut getan?

Wir suchen ständig nach Anerkennung und Liebe
doch wirklich glücklich ist, wer selber liebt
nur wer mit dem Herzen und mit aller Kraft
das Gute tut, der findet ihn, des Lebens Sinn.

Alois Schuler

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Voll von Gott?

(Text vom 06. Mai 2020)

Eine islamische Mystikerin, Rabic (8. Jh.), mit sehr schwerer Kindheit und Jugend bemühte sich später, in allem dem Hass und der Wut im Herzen keinen Platz zu geben. Weil viele ihrer Bewunderer ihre Geschichte kannten, fragten sie Rabic nach ihrer besonderen Fähigkeit all dies Geschehene vergeben zu können.
«Mein Herz ist so voll von Gott, dass ich für Groll und Argwohn darin gar keinen Platz habe – Gott hat mich gerufen, also wird er sich auch um mich kümmern.»
Ich frage mich, wie viele mir bekannte gläubige Männer und Frauen eine derartige Fähigkeit der Vergebung entwickelt haben. Und ich merke, dass es der Heiligen immer darum geht, dass wir uns selbst prüfen, wieviel Platz Gott in unseren Herzen bekommt. Und ich erkenne, dass dabei unser Wille und die Übung darin einen besonderen Platz hat.

Eleonora Knöpfel

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Pfingstsequenz

(Text vom 05. Mai 2020)

Locke uns heraus,
locke uns achtsam zu sein,
Du, heiliger, heilender Geist.

Rühre uns an,
rühre das kalte Herz,
Du, heiliger, tröstender Geist.

Bleibe bei uns,
bleibe in unserer Zeit,
Du, heiliger, ewiger Geist.

Wag es mit uns,
wage neuen Beginn,
Du, heiliger, schöpferischer Geist.

Geist, der uns fühlen lehrt,
der unser Denken lenkt,
unsere Sinne heilt,
liebend umfängt.

Geist, der uns offen macht,
uns neues Sehen schenkt,
Augen für Deine Welt,
sorgsam erhellt.

Geist, der die Welt erhält,
mit seinem Atem füllt,
Erde und Meere schuf,
aufs Wort gestellt.

Geist, der zur Einheit führt,
trennende Mauern bricht,
Völker zusammen bringt,
im Dienst der Welt.

Geist, der das All durchweht,
Menschen ins Leben ruft,
ihnen das Heute gibt,
ewige Zeit.

Notker balbulus, Notker der Stammler

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Stetes Wachsen

(Text vom 04. Mai 2020)

Dass du Gott brauchst, mehr als alles, weisst du allzeit in deinem Herzen; aber nicht auch, dass Gott dich braucht, in der Fülle seiner Ewigkeit dich? Wie gäbe es den Menschen, wenn Gott ihn nicht brauchte, und wie gäbe es dich? Du brauchst Gott, um zu sein, und Gott braucht dich - zu eben dem, was der Sinn deines Lebens ist (Martin Buber in Ich und Du).
Indem wir nach Gott fragen, geben wir ihm einen Platz in uns. Fragen wir nach ihm, weil wir ihn brauchen? Die meisten Menschen würden wohl mit ja auf diese Frage antworten. Aber braucht Gott uns so wie wir ihn? Es gab Momente, wo ich darauf nein geantwortet habe. Doch die Erfahrung lehrt mich wie uns alle, dass wir miteinander aneinander wachsen. Dass ich nicht einfach für mich bin, sondern dass ich bin durch andere. Dass ich mehr und mehr werde und wachse durch andere Menschen. Und der Glaube an das Göttliche im Menschen nährt deshalb auch meine Sicht, dass Gott auch uns braucht, damit dieses stete Wachsen aneinander und miteinander gelingt.

Eleonora Knöpfel

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Der Klang des Himmels

(Text vom 03. Mai 2020)

Schweigende Engel, ein stiller Himmel
wie könnte das Jenseits Verheissung sein
Wäre dort kein Laut zu vernehmen
Lärm aber, klar, gehört zur Hölle.

Still sein ist gut, singen ist besser
darum die Psalmen, die Lob- und Bittgesänge
denken reicht nicht, auch sprechen engt ein
erst der Gesang öffnet uns die Seele

Bald, wir hoffen sehr bald
holen wir Luft, um einzustimmen
um mit den Engeln Lob zu singen
Gott, der uns den Atem gab

Alois Schuler

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Ein Weg der Mitte

(Text vom 02. Mai 2020)

Langsam habe ich genug! Genug davon das zwischenmenschliche Zusammenleben vorzugsweise gar nicht oder mit erheblicher Distanz zu üben. Ja, Übung trifft die Sachlage ganz gut. Es ist eine Übung, geprobt haben wir nun bereits viele Wochen. Die Ambivalenz der Gedanken allerdings kennt auch ein anderes Gefühl. Das Gefühl nämlich, dass durch diese Situation sich so vieles viel entspannter auswirkt, die Entschleunigung des Lebensalltags viele Spielräume schafft, die uns guttun. Ein Lyriker schreibt dazu: Du kämpfst wie wild für den Traum und fürchtest, dass er sich erfüllt. (Neuert) Mir scheint, dass genau diese zwei Gefühle in meiner Brust schlagen. Zurück vor die Krise können wir nicht. Und wenn wir uns neu erfinden wollen, dann müssen wir Vieles zurücklassen, was zuvor zu unserem Alltagsverhalten gehörte und uns scheinbar glücklich machte. Mit Gottes Hilfe, träume ich, kann ein Weg der Mitte gefunden werden.

Eleonora Knöpfel

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Durch die Arbeit Mensch werden

(Text vom 01. Mai 2020)

"Die Arbeit ist ein Gut für den Menschen - für sein Menschsein -, weil er durch die Arbeit nicht nur die Natur umwandelt und seinen Bedürfnissen anpasst, sondern auch sich selbst als Mensch verwirklicht, ja gewissermassen 'mehr Mensch wird'", schrieb Papst Johannes Paul II. in seiner ersten Enzyklika "Laborem Exercens" 1981. Das war zum 90. Jahrestag der von Papst Leo XIII. veröffentlichten Enzyklika "Rerum Novarum". Zum Tag der Arbeit erinnere ich gerne daran, dass sich die katholische Kirche seit 130 Jahren für eine Gesellschaftsordnung stark macht, in der jeder Arbeit finden dadurch seine Familie ernähren kann.
Der Mensch ist zum Arbeiten geschaffen, die Arbeit darf ihn aber nicht schädigen. Und auch Menschen mit Behinderungen dürfen nicht von der Arbeit ausgeschlossen werden. Denn Arbeit bedeutet für jeden Menschen Teilnahme am Leben der Gesellschaft und Einsatz seiner Fähigkeiten. Deshalb ist es – auch wenn wir uns daran gewöhnt haben – ein Skandal, dass viele Menschen keine Chance haben, jemals wieder eine bezahlte Arbeit ausüben zu können. Auch das muss am Gedenktag Josefs, des Arbeiters festgehalten werden.

Alois Schuler

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Ein guter Tag

(Text vom 30. April 2020)

Eine Kassenangestellte in der Migros beklagt sich über ein älteres Ehepaar beim Einkauf, das Münzen herausklaubt und lange die Kasse besetzt hält, dann noch etwas vergessen hat, weil kein Einkaufszettel gemacht wurde.
Dabei fällt mir auf, dass viele ältere Menschen mir in diesen Tagen sagen, ihr Leben wäre rundum gut gewesen, sie hätten keine Angst zu sterben. Sie bedenken weniger, dass ihr Einkaufsverhalten unter Umständen später einmal einen Spitalplatz mit Atmungsgerät besetzen könnte. Ihre Dankbarkeit über ein gelungenes Leben ehrt sie zwar, doch auch der Blick für viele andere Menschen bleibt wichtig. Abgesehen davon: Vielleicht gibt es ja immer noch gute Tage, die bevorstehen, ermutigende Begegnungen.

Dazu eine Erzählung:
Der greise Häuptling Old Lodge Skins stellt eines Tages fest, dass es ein guter Tag ist. Er beschliesst an diesem Tag zu sterben und geht hinauf zum Ahnenfeld, wo er sich hinlegt. Nach einigen Stunden ist noch nichts passiert und es beginnt zu regnen. So steht er auf und geht etwas verwundert wieder zurück in sein Tipizelt. Dort stellt er fest, «es war ein guter Tag!»

Eleonora Knöpfel

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Mystik und Politik

(Text vom 29. April 2020)

(Zum Fest der Heiligen Katharina von Siena am 29. April)

Mystikerinnen und Mystiker sind Menschen mit einer besonderen Gotteserfahrung. Ihre Aufmerksamkeit ist ganz auf das innere Erleben und auf den Einbruch des Transzendenten ausgerichtet. Von Politikern behauptet man häufiger Gegenteiliges. Aber es gab und gibt Menschen, bei denen sich Mystik und Politik in besonderer Weise verdichten. Niklaus von Flüe heisst so einer, Katharina von Siena eine andere. Sie hat am 29. April ihren Festtag im liturgischen Kalender. Während Bruder Klaus zum Schweizer Landespatron erklärt wurde, weil er, der Mann des Gebets, mit seinem Rat einen Bürgerkrieg verhindert hat, ist Katharina nicht nur Patronin von Italien und Mitpatronin Europas, sondern sie wurde 1970 vom Paul VI. zur Kirchenlehrerin erhoben.
Sie sah sich mystisch mit Jesus vermählt, führte ein asketisches, zurückgezogenes Leben. Um von ihren Erfahrungen zu berichten, beschäftigte sie, weil sie selber weder lesen noch schreiben konnte, zeitweise drei Sekretäre. So entstanden zahlreiche Briefe, 381 sind erhalten. Und einige davon waren an den Papst gerichtet. Sie wurde Beraterin von weltlichen und geistlichen Fürsten in ganz Europa, die sie kraft ihrer gottgeschenkten Autorität auch ermahnte und sogar zurechtwies.
Katharina hat – wie eben auch Bruder Klaus – gezeigt, dass ein Mensch, der sich ganz auf Gott einlässt, es nicht verhindern kann, dass er sich auch um die Menschen kümmern muss. Es gibt wohl gesellschaftliche Akteure ohne Spiritualität, aber keinen Glauben ohne Handeln, keine Mystik ohne Politik.

Alois Schuler

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Hunger wonach?

(Text vom 28. April 2020)

Zur Zeit lesen wir häufig Umfrageantworten zur Situation, die von Verzichten müssen und Isolation, zwischenmenschlicher Distanz oder auch Mangel an frischer Luft und Heimarbeit geprägt ist. Bei allem Verständnis taucht die Frage auf, um welchen Hunger es sich bei den Klagen handelt. Wonach bin ich hungrig, sind wir hungrig? Dass in den Kirchen vermehrt Kirchenfremde zu sehen sind zeigt allenfalls, dass der Hunger nach Gott zur Zeit aktueller ist als noch vor der Krise. Wir sind hungrig nach Nähe, suchen unverzichtbare Geborgenheit, verlässliche Antworten.

Bei Amos steht: Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde, nicht einen Hunger nach Brot oder Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des HERRN.

Vielleicht ergibt sich heute die Gelegenheit diesen Hunger zu stillen. Einen Satz aus der Bibel zu lesen, das Gebet von Bruder Klaus ganz langsam zu beten. Lassen wir es gelingen!

Eleonora Knöpfel

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Mit Leib und Seele

(Text vom 27. April 2020)

Woran liegt es, dass wir manchmal bei einem Menschen sagen: der macht das wirklich aus Berufung? Es kann eine Ärztin sein, ein Krankenpfleger, aber auch ein Elektriker oder Maler. Vielleicht ist es die Hartnäckigkeit, mit der sie oder er die Arbeit gut, sehr gut machen will. Wenn jemand mir als Kunden nicht einfach das gibt, was ich verlange, sondern das, was ich brauche. Wenn jemand mein Bedürfnis erkennt und entsprechend handelt. So gibt es eben auch den beseelten Verkäufer oder die Automechanikerin mit Durchblick.

Ich mag das, wenn jemand mit der Art, wie er seine Arbeit tut, ein Bekenntnis zu seinem Beruf ablegt, wenn jemand wahre Profession zeigt, wenn sich die Arbeit nach den Regeln der Kunst mit Herzblut verbindet. Diese Berufenen machen mit ihrem Tun die Welt besser, weil sie die tägliche Arbeit mit Verstand und Geschick, mit Leib und Seele tun.

Alois Schuler

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Mal sehen, ob ich zu Hause bin

(Text vom 26. April 2020)

In unserem tiefsten Innern, da will Gott bei uns sein. Wenn die Seele nicht ausgegangen ist mit ihren fünf Sinnen, dann findet er uns daheim.
(Meister Eckhart)

Abgelenkt und zerstreut verlieren wir uns, die Adresse vom inneren Zuhause geht vergessen, wir sind im Ungleichgewicht zwischen Verstand und Gefühlen. Die fünf Sinne zu bündeln ist stets eine Aufgabe, die mit einem Gebet, einer Meditation, einem Ritual gelingen kann. Nur schon das bewusste Falten der Hände und aktives Atmen hilft dabei. ER findet uns! Humorvoll und dennoch so tiefgründig sagt Karl Valentin: «Heute Abend besuche ich mich, mal sehen, ob ich zu Hause bin.»

Ich wünsche Ihnen allen einen gelungenen Tag. Und auch ich atme bewusst und falte dazu die Hände.

Eleonora Knöpfel

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Luftveränderung

(Text vom 25. April 2020)

Unsere Wege sind andere geworden
und das Leben etwas ruhiger
die Luft hat sich verändert
halten wir da Schritt?

Wir wünschen uns Normalität
vielleicht aber nicht die alte
aus letztem Nebel taucht – noch schemenhaft
ein neues – unser – Leben auf

Alois Schuler

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Immer wieder aufstehen

(Text vom 24. April 2020)

Vier Kleinkinder; gerade können sie auf den Beinen stehen und unsicher wackeln sie mit ausgestreckten Ärmchen aufeinander zu. Jedes umarmt jedes, fast purzeln sie dabei um. Jedes zu jedem, kreuz und quer, und immer diese liebevolle Umarmung und ein Klopfen auf den Rücken dabei.

Eine Szene, videotechnisch gestellt, nicht echt. Die Windelkinder lenken unseren Blick in die Weite, nach Corona. Wo wir uns mal wieder drücken können. Wenn alles Trennende hinter uns liegt und unser inneres Ungleichgewicht mit einer Umarmung etwas stabilisiert wird. Wir werden alle neu gehen lernen müssen – eine ganze Gesellschaft wird miteinander lernen müssen stabil auf den Füssen zu stehen. Wie unbefangene «altgewordene» Kinder. Das wird ein langer Prozess sein – eben, als müssten wir neu laufen lernen, aufstehen, vielleicht hinfallen – immer wieder aufstehen, mit Gottes Hilfe!!!

Eleonora Knöpfel

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Unsere Sakramente

(Text vom 23. April 2020)

Wir haben alle unsere Glaubenssätze; versteckt in einer inneren Glaubensbüchse. Dort wohnt auch der Glaube an sieben Sakramente. Ich habe dort viel mehr als sieben gesammelt. Wenn ich in einen Apfel beisse und ihn weglege, dann muss ich lachen und denke an meine Mutter, die das immer wieder getan hat und meinte: »Apfel essen macht müde, bitte iss du ihn fertig.» Es hat mich gestört, damals. Heute wenn es mir passiert, da ist es ganz anders. Da verbindet sich meine Mutter mit mir, da treffen sich zwei ganz unterschiedliche Wirklichkeiten. Das ist mir Sakrament! Wo zwei Erfahrungen so deutlich aufeinandertreffen und das Herz berühren, da geschieht Sakramentales. Freuen wir uns heute an solchen Erinnerungen, ich bin sicher, dass Sie in Ihrer Glaubensbüchse solche haben. Vielleicht müssen Sie gar nicht lange suchen.

Eleonora Knöpfel

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Mit einem Bein aus den Grab

(Text vom 22. April 2020)

Wer nicht an die eigene Auferstehung von den Toten glaubt, kann als Christ zusammenpacken. Denn der Glaube ist leer, wenn Christus nicht von den Toten auferweckt wurde. Und er ist nicht auferweckt worden, wenn es keine Auferstehung der Toten gibt. Paulus nennt diesen Zusammenhang im 15. Kapitel des ersten Briefes an die Gemeinde in Korinth ganz ungeschminkt. «Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden.»

Nicht der 30. Sonntag im Jahreskreis ist der wichtigste Tag im Kirchenjahr, sondern Ostern. An jenem Sonntag begegnet und Jesus Mahner im Bereich der Ethik: Die Gottes- und die Nächstenliebe seien die wichtigsten Gebote antwortet er einem Gesetzeslehrer. Wer wollte da widersprechen. Auch Paulus tut es nicht, und doch sagt er knapp und deutlich: «Wenn wir allein für dieses Leben unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.» Natürlich sollen Christen sich andern gegenüber gut verhalten, aber das tun auch andere. Christen aber sind Menschen, die aus dem Glauben an den Auferstandenen und an die eigene Auferstehung leben. Sie sind, so könnte man Paulus etwas salopp folgen, sie sind bereits mit einem Bein aus dem Grab gestiegen.

Ach ja, und dann sagt Paulus gleich noch, dass wir das mit der Auferstehung nicht mit dem jetzigen Leben verwechseln sollten. Das Leben jetzt gleicht dem Samen, dem Säen. «So ist es mit der Auferstehung der Toten: Was gesät wird, ist verweslich, was auferweckt wird, unverweslich. Was gesät wird, ist armselig, was auferweckt wird, herrlich. Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer Leib.» Die Auferstehung findet statt. Deshalb kann Paulus (in 1 Kor 15,55) rufen: «Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?»

Alois Schuler

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Osterfarben

(Text vom 21. April 2020)

Gestern Abend am Telefon ein Bravo für den schönen und natürlichen Blumenschmuck in der Kirche an Ostern – alles direkt von Feld und Waldrand. In Grün und Gelb gehalten. Ja, die Kollegin am Telefon hatte recht. Die Floristin hat die Osterfarben getroffen.

Heute ganz früh am Morgen, es tagt gerade: ich gehe an den Feldern vorbei und schaue in die Weite. Alles in Grün und Gelb gehalten. Der gelbe Senf steht hoch und leuchtet kräftig. Noch immer wie Ostern! Noch immer diese Kraft in den wenigen Farben auf den Feldern. Noch immer das Licht der Freude darüber, dass nichts diese natürliche Kraft aufhalten kann, dass sie noch immer den vertrockneten Boden aufwirft und durchbricht für neues Leben. Der Teppich für die Tagesbewältigung liegt bei mir ausgebreitet und will mir sagen: «Christus hat den Tod bezwungen und uns allen Sieg errungen. Halleluja, Jesus lebt!»

Eleonora Knöpfel

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Vom Glauben geführt

(Text vom 20. April 2020)

Licht aus der Vergangenheit für dunklere Tage. Heute frühmorgens durfte ich einen Lebenslauf lesen. Die Dame ist nun fast 90. Sie hat ihn vor Jahren verfasst. Als Vertriebene im Erzgebirge gestrandet beschreibt sie, welch stärkende Hand ihr der Glaube wurde. Der Glaube geführt zu werden, immer wieder hingeführt zum Guten. Der Weg dieser Frau, während 10 Jahren, turbulent vom Erzgebirge über die Ruinen Berlins bis nach Basel, wo sie erstmals eine Stadt sieht, in der sie keine Zerstörung und keine Verfolgung erfährt. Und wieder das Gefühl von Gottes Hand geleitet weitergehen zu können.

Ich lese dieses Schreiben als Mahnung für mich selber. Wie oft hat ER meinen Weg gekreuzt! Zufall? Schicksal?

Was lesen Sie in Ihren Herzen? Die Frau wurde nirgends geschont, nicht als Kind, nicht später. Sie hat eine besondere Gabe. Sie fühlt, wie ihre Hand nie losgelassen von Gott immer festgehalten und geführt ist.

Eleonora Knöpfel 

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Gott segne deine Sehnsucht

(Text vom 19. April 2020)

gott segne deine sehnsucht
nach leben in fülle
dass du sie nicht verdrängst
nicht vergisst
nicht verleugnest

gott segne deine sehnsucht
dass du auf sie hörst
ihr traust
ihr folgst

gott segne deine sehnsucht
dass sie dich aufbrechen
grenzen sprengen
ungeahnt neues land betreten
und endlich
heim
finden lässt

gott segne deine sehnsucht
den stern der dich leitet

Katja Süss

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Viertel nach Vier

(Text vom 18. April 2020)

Gestern am Abend: auf meinem Handy eine Kurzmitteilung. «Die Spitze ist bald erreicht. Wir sind auf gutem Weg.» Ich schreibe zurück: «Warten wir ab mit Geduld.» Antwort: «Ja… das warme Wetter wird helfen.» Ich weiss es nicht, warte einfach ab, übe mich in Geduld.

Wir hoffen, wir halten aus während Menschen in der Pflege viel mehr als aushalten müssen. Die Disziplin, die Geduld, der Anspruch an Hygiene, die fortwährenden Erklärungen, kein Treffen mit Freunden nach der Arbeit. Ich bedanke mich stellvertretend für uns alle. Und ich halte es mit der tiefen Aussage des braven Soldaten Schwejk zu seinem Freund:

»Also denne, am viertelabvieri noch em Grieg im Ochse.» Nein; Krieg haben wir nicht. Aber es braucht eine Hoffnung auf ein gutes Ende dieser schwierigen Tage

Eleonora Knöpfel

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Offen für IHN

(Text vom 17. April 2020)

Mit offenem Mund
stehen sie da
die Jünger
und lauschen SEINEN Worten

Mit aufgerissenen Augen
sehen sie IHN
der durchbohrt
am Kreuz hängt

Mit offenem Herzen
harren sie
betend
und wissen nicht worauf

Und dann
erkennen sie IHN im Geist
und können bezeugen:
Der Himmel ist offen, und wir sind frei

Alois Schuler

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Was ich habe gebe ich

(Text vom 16. April 2020)

Könnten wir in dieser Osterwoche Gottesdienste besuchen, hörten wir aus den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte. Wir könnten hören, wie die Apostel sich aus ihrer Erstarrung lösen, in die sie nach der Passion gefallen waren. Sie waren an Ostern wieder zusammengekommen, versammelten sich in einem Obergemacht, wo sie «einmütig im Gebet verharrten», wie die Apostelgeschichte erzählt. Doch dann kommt der Geist über sie. Und nun treten sie – und allen voran Petrus – in die Nachfolge Jesu.

Jetzt gehen sie nicht mehr hinter ihm her, um ihm zuzuhören und zuzusehen, nun reden und handeln sie, wie Jesus geredet und gehandelt hat. Am Tempeltor sehen Petrus und Johannes einen gelähmten Bettler. «Silber und Gold besitze ich nicht», sagt Petrus zu ihm. «Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, geh umher!»

Ostern macht aus jenen, die vorher dasassen und Jesus zuhörten, Handelnde. Ostern lässt die Jünger, lässt uns aufstehen und zu den Menschen gehen. Ostern macht es möglich, dass Wunder geschehen. Wenn ich weitergebe, was ich empfangen habe.

Alois Schuler

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Grüsse

(Text vom 15. April 2020)

Morgengrüsse zu Ihnen allen. Morgengrüsse beim Walking frühmorgens, ich habe es heute wieder erlebt. Noch nie habe ich erfahren, dass so viele Menschen sich beim Morgensport oder auf dem Arbeitsweg mit dem Fahrrad so deutlich und mit Augenkontakt begrüssen. Meistens komme ich mir etwas bescheuert vor, wenn ich immer beim Kreuzen im Wald, am Fluss oder auf der Strasse einzelne Menschen grüsse. Erstmals geht es auch ganz anders. Der Gruss kommt zurück; nicht nur das, nein, es schaut mich jemand mit offenem Blick an. Ich freue mich daran. Und eigentlich kann ich das um 6 Uhr morgens nicht erwarten. Es funktioniert selbst jetzt wo es dunkel ist zu dieser Zeit nach der Wende zur Sommerzeit. Wir kennen das Sprichwort: «Wie du in den Wald hineinrufst kommt es zurück.» Für einmal trifft es zu! Und für einen Moment glaube ich daran, dass Gottes Gegenwart in der kurzen Begegnung mit einem andern Menschen sichtbar wird. Wie sind sie heute dem ersten Menschen begegnet? Hat es auch bei Ihnen funktioniert?

Eleonora Knöpfel

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Die Eintagsfliege

(Text vom 14. April 2020)

In der untergehenden Sonne
Tanzt die Eintagsfliege
Ihrer Ewigkeit entgegen

Claudia Schuler

Ein kurzes Begreifen, sich an der Gegenwart erfreuen, dabei die Vergänglichkeit des Augenblicks erkennen und bejahen, und dies in Worte fassen, das ist Dichtung im Geist des Haiku.

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Corona-Litanei

(Text vom Ostermontag, 13. April 2020)

Abgesagt
Haydn, Mozart und Schubert
dirigiert von Marek Janowski
Nicht abgesagt
das Cellospiel im 3. Stock
das Lied der Amsel

Abgesagt
die Lesung des Literaten
Nicht abgesagt
das Vorlesen des abendlichen Gedichts
die Geschichte für die Kinder

Abgesagt
der Anlass zum 40. Jahrestag
der Ermordung von Bischof Romero
Nicht abgesagt
die Erinnerung
der Widerstand

Abgesagt
der Traum von den Malediven
Nicht abgesagt
das Träumen von
der neuen Erde
dem neuen Himmel

Abgesagt
der Gottesdienst
Nicht abgesagt
das Flüstern
mit Gott

Abgesagt
der Tulpenstrauss auf dem Küchentisch
Nicht abgesagt
das Blühen und Bersten
das Keimen und Knospen

Abgesagt
das Hochzeitsfest
Nicht abgesagt
die Liebe

Abgesagt
die Trauerfeier
Nicht abgesagt
die Auferstehung

© Jacqueline Keune, kath.ch

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Litanei der Auferstehung

(Text vom Ostersonntag, 12. April 2020)

Wenn deine Hände Tränen trocknen
Wenn deine Hände zärtlich streicheln
Wenn deine Hände wortlos trösten
Wenn deine Hände aufrichten in der Trauer
Dann steht Jesus mit dir auf

Wenn deine Füsse Grenzen überschreiten
Wenn deine Füsse alle Vernunft Friedenswege gehen
Wenn deine Füsse voll Freude Klippen überspringen
Wenn deine Füsse ungesicherte Wege wagen
Dann steht Jesus mit dir auf

Wenn deine Augen die Angst erkennen
Wenn deine Augen den Hunger der Seele erblicken
Wenn deine Augen die Gefängnisgitter der Lieblosigkeit schauen
Wenn deine Augen hinter glanzvollen Fassaden die Einsamkeit sehen
Dann steht Jesus mit dir auf

Wenn deine Ohren die Schreie der Geplagten hören
Wenn deine Ohren das Seufzen der Schöpfung wahrnehmen
Wenn deine Ohren die sprachlose Bitte der Heimatlosen verstehen
Wenn deine Ohren das Klagen misshandelter Kinder in ein Protestlied verwandeln
Dann steht Jesus mit dir auf

Claudia Schuler

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Annehmen

(Text vom Karsamstag, 11. April 2020)

Wir haben das Wort nicht
in der Hand
Das Verstehen liegt im Ohr
des andern

Wir können Liebe
nicht zurückzahlen
nur annehmen
und dankend lieben
den Menschen
der uns annimmt

Alois Schuler

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Paulus an die Gemeinde in Philippi

(Text vom Karfreitag, 10. April 2020)

Paulus überliefert in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi einen wunderbaren Hymnus, der in knappen Wort klar macht, welche Bedeutung – aus christlicher Sicht – im Geschehen von Karfreitag liegt:

Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:

Er war Gott gleich,
hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,
sondern er entäußerte sich
und wurde wie ein Sklave
und den Menschen gleich.

Sein Leben war das eines Menschen;
er erniedrigte sich
und war gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.

Darum hat ihn Gott über alle erhöht
und ihm den Namen verliehen,
der größer ist als alle Namen,

damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde
ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu
und jeder Mund bekennt:
Jesus Christus ist der Herr
zur Ehre Gottes, des Vaters.

Philipper 2,5-11

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Passion

(Text vom Hohen Donnerstag, 09. April 2020)

Ein Skandal, ein Ärgernis, oder zumindest eine Torheit sei es in den Augen der Nichtglaubenden, Christus als Gekreuzigten zu verkünden, schreibt Paulus der Gemeinde in Korinth. Und er ist sich offensichtlich bewusst, dass auch den an Christus Glaubenden das Karfreitagsgeschehen nie leicht verständlich sein wird. Derjenige, dem sie nachfolgen, ist wegen seiner Lehre und seiner Taten getötet worden.
Das Kreuz und damit das Leiden steht den Christen stets vor Augen, an Hauswänden, Strassenkreuzungen, in Kirchen und an Halsketten. Und sie haben sich auch etwas daran gewöhnt. Wie auch an Bachs Klang der Matthäus- oder Johannespassion. Dabei fordert Bach mit jeder Tonfolge den Hörer zur Gewissenserforschung auf. Im Denken seiner Zeit ist jede Sünde ein Dorn auf Christi Haupt.

Das Gleiche sagen wir heute anders: Weil wir alle, vor allem alle Leidenden ein Geschwister Jesu sind, betrifft jede unserer Taten oder Unterlassungen ihn, der einst richten wird: «Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.»

Die Karwoche stellt den Christen das Leiden Christi und gleichzeitig die Leiden der Menschen vor Augen. Im Mittelpunkt steht dabei das Leiden, das durch andere Menschen verursacht wird. Natürlich blicken wir nicht gerne hin, wenn von Folter und Mord, von Krieg und Vertreibung die Rede ist. Wir spüren Zorn, Trauer und Hilflosigkeit. Aber schon diese Gefühle sind Ausdruck des Mitgefühls. Wer nicht vor ihnen flieht, wird entdecken, wo auch gehandelt werden kann. Der erste Schritt besteht im Blick auf das Leiden.

Alois Schuler

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Ein Geschenk des Himmels

(Text vom 08. April 2020)

Manche Menschen wissen nicht, wie wichtig es ist, dass sie einfach da sind.
Manche Menschen wissen nicht, wie gut es ist, sie nur zu sehen.
Manche Menschen wissen nicht, wie tröstlich ihr gütiges Lächeln wirkt.
Manche Menschen wissen nicht, wie viel ärmer wir ohne sie wären.
Manche Menschen wissen nicht, dass sie ein Geschenk des Himmels sind.
Manche Menschen wüssten es – würden wir es ihnen sagen!
(Paul Celan)

Und ich möchte Sie ermutigen zu einem guten Wort, bewusst ausgesprochen, nicht nur dahingesagt.

Eleonora Knöpfel

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Das Korn

(Text vom 07. April 2020)

Lichthungrig
drängt das Korn
aus seinem Erdengrab
dem Leben zu

Claudia Schuler

Haiku ist ein japanisches Kurzgedicht, wörtlich ein «lustiger Vers». Haiku halten Augenblicke fest, in denen wir berührt werden und die Welt im doppelten Sinn begreifen.

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Stille

(Text vom 06. April 2020)

Zwei sehr scheue Katzen suchen ihren Platz sehr oft in meinem Garten oder auf meinem Balkon. Mittlerweile ist eine der beiden alt und weniger beweglich geworden. Deshalb gehört der Balkon ausschliesslich ihrer weiss-schwarzen Freundin. Stille scheint ihr Bedürfnis zu sein, kommen sie doch aus einem Haushalt mit Hund, Fischaquarium, Kaninchen und zwei Kindern im Primarschulalter. Stille suchen sie; als Kraftquelle für die nächtlichen Streifzüge.
Stille spielt in diesen Tagen der Isolation für Viele eine besondere Rolle. In einem Text des Jesaja (30,15) werden wir ermutigt uns dieser Stille bewusst zu stellen. «So spricht Gott: Nur in Umkehr und Stille liegt eure Rettung. Nur Stille und Vertrauen verleihen euch Kraft.»
Wie gut, dass wir nicht, wie die eine «meiner» Katzen, erst auf den Balkon flüchten müssen um dieser Erfahrung Raum zu geben. Die Fastenzeit ist der Balkon, um Umkehr und Stille zu üben.

Eleonora Knöpfel

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Der Esel

(Text vom 05. April 2020)

Am Palmsonntag, beim Einzug in Jerusalem begegnet uns neben Jesus auch ein graues Tier: Oft genug verwenden wir seinen Namen als Schimpfwort: "Du Esel". Damit bezeichnen wir Menschen, die wir für dumm halten, für unklug, oder für Menschen, die sich von anderen ausnützen lassen.
Damit tun wir dem Esel aber Unrecht.
Esel sind alles andere als dumm. Sie sind im Gegenteil leistungsfähig und belastbar. Sie sind zäh und geduldig, auch oder gerade wenn ihnen schwere Lasten aufgebürdet werden. Esel sind Tiere, die dem Menschen dienen, besonders in orientalischen Ländern. Esel sind auch kluge Tiere. Sie können sich gut anpassen. Aber sie können auch stur werden, wenn ihnen lebenswichtige Ansprüche vorenthalten werden. In der Bibel schickt Gott immer wieder einen Esel als Hilfe.
Der Esel ist der Legende nach Transportmittel für die Heilige Familie auf dem Weg nach Bethlehem und auf der Flucht nach Ägypten. Auch war er bei der Geburt Jesu im Stall dabei. Beim Einzug Jesu in Jerusalem hat er eine Schlüsselrolle. Er trägt den König des Friedens. Deshalb wird er selbst zum Symbol des Friedens, im Gegensatz zum Pferd, das für Herrschergewalt und Krieg steht.
Der Esel kann auch ein Sinnbild für Jesus selbst sein. Da gibt es einige Gemeinsamkeiten: Auch Jesus ist dienstbereit und belastbar. Er trägt die Lasten. Er ist konsequent, wenn es um den Menschen und um Gott geht.
Wir Christen haben auch etwas gemeinsam mit dem Esel: Wir sind Christus-Träger in die Welt. Dazu bedarf es in der Tat der Eigenschaften eines Esels: Wir brauchen die Bereitschaft zum Dienen gegenüber Gott und den Menschen, Geduld bei Widerständen, Tragfähigkeit, wenn Lasten auferlegt werden.
Papst Johannes XXIII. in seiner freundlichen Art meinte:
"Wo die Pferde versagen, da schaffen es die Esel."

Alois Schuler

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Kleine Schritte

(Text vom 04. April 2020)

„Ich bitte dich, Gott, um die grosse Kraft diesen kleinen Tag zu bestehen. Um auf dem grossen Weg zu dir einen kleinen Schritt weiterzugehen. (Ernst Ginsberg)“
Gerade jetzt sind wir häufig mit kleinen Schritten unterwegs – nicht alle gleich schnell oder langsam. Was sicher ist: es braucht erheblich viel Kraft, unabhängig vom Tempo.
Das obige Gebet kann wie ein Stossgebet immer und überall von uns ausgesprochen oder auch still gebetet werden. Es möge allen heute als kleiner Impuls für den langen Weg dienen!

Eleonora Knöpfel

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Satzbehälter leeren

(Text vom 03. April 2020)

Im Homeoffice ist der Weg zur Kaffeemaschine kurz, und so trinke ich nicht weniger Kaffee, wenn ich nicht ins Büro gehen muss. Hier treffe ich allerdings keine Kollegen, sondern die Maschine spricht mit mir. Und sie macht das etwas eintönig: «Satzbehälter leeren». Zwei Worte nur, die aber klar machen, dass jetzt gehandelt werden muss.
Diese Kurznachricht, so denke ich, während ich tue, was zu tun ist, die Meldung hat es in sich. Sollten wir nicht alle, vor allem in so aussergewöhnlichen Zeiten, unsere Sprachgewohnheiten überprüfen, neue Sätze sprechen und also unsere «Satzbehälter» leeren, unser Sprachzentrum durchspülen.
Wenn wir liebe Menschen nur noch selten und auf Distanz sehen können, dann möchten wir vielleicht nicht über das Wetter reden. Und wo wir auf Menschen treffen, die unter den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie stark leiden, sollten wir ihnen nicht unsere Langeweile vorjammern. Und wenn es darum geht, jetzt noch einige Wochen die Einschränkungen durchzuhalten, ist die besserwisserische Empörung über die Regierung oder die Umsetzung am Ort nicht wirklich zielführend.
Wir haben vielleicht in den letzten Jahren falsche Sätze eingeübt. Neue Sätze braucht das Land, braucht der Mensch, brauchen wir. Deshalb: Satzbehälter leeren, damit Platz ist für neue, gute und aufbauende Worte.

Alois Schuler 

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Wirkliche Freiheit

(Text vom 02. April 2020)

Aung San Suu Kyi – eine Freiheitskämpferin des ehemaligen Burma. Heute kann sie nicht mehr kritiklos mit dem gleichen Respekt angesehen werden wie noch vor Jahren. Sie stand über 20 Jahre lang unter Hausarrest, konnte also weder das Haus verlassen, noch persönlichen Kontakt zu ihrer Familie haben. In ihrer Rede, die sie hielt, als sie den Friedensnobelpreis entgegennehmen konnte, sagte sie Folgendes:

"Das einzige wirkliche Gefängnis ist unsere Angst. Und die einzige wirkliche Freiheit, ist die Freiheit von Angst."

Dieses Zitat, von einer Frau, die so lange in Unfreiheit verbracht hatte, hat mich mehr als nachdenklich gemacht. Und dies müsste uns eigentlich alle anregen über so viele unserer Privilegien nachzudenken und zu fühlen, dass jede unserer Klagen wegen der Ausgeheinschränkungen eine Klage auf hohem Niveau ist. Gibt es doch Menschen, die seit Jahren ihre Zimmer kaum mehr verlassen haben oder konnten. Ja – das Glas ist oft halbleer; doch eine andere Sicht sagt uns – das Glas ist halbvoll. Üben wir gemeinsam daran diese zweite Sicht zur Entfaltung zu bringen; damit es uns etwas besser geht bei aller Einschränkung.

Eleonora Knöpfel, Seelsorgerin

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Der Grenzenlose

(Text vom 01. April 2020)

Als ich immerfort an meine
Grenzen stiess,
verliess
ich mein Zuhause
und ging fort.

Ich wollte in die Wüste gehn,
an jenen Ort
aus Sand und Sand,
der nur den Himmel hat
als Rand,
um den sich nur die Winde
und die Sterne drehn.

Die Wüste, die ich fand,
liegt ausserhalb der Stadt
am Fluss.
Ich sagte mir: Da muss
ich bleiben. Wirklich?
Aber ja!

– Denn ich sah,
dass sich das Grenzenlose,
zwischen Zäunen eingeschlossen,
hier verborgen,
hinter Gittern eingenistet hat.

Wüste ist hier Haus
mit Gittertür.
Mit allen meinen Grenzen
trat ich ein
und durfte schon am ersten Tag
im Grenzenlosen sein.
Es ist jemand, und der wohnt hier.

Grenzenlos nahm mich der Grenzenlose
samt meinen Grenzen an.
Nein, er zerbrach sie nicht.
So wie ich bin, und ich nicht anders kann,
als immer noch begrenzt zu sein,
geh ich nun Tag um Tag,
so wie mein Alltag läuft,
geh ich nun ein
in meines Grenzenlosen grenzenloses Licht.

Silja Walter

Aus: Silja Walter. Gesamtausgabe Band 7, Paulusverlag 2006.

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Unsere Lebenszeit

(Text vom 31. März 2020)

Vergangenheit
ist Geschichte
Zukunft
ist Geheimnis
aber jeder Augenblick
ist ein Geschenk.

Claudia Schuler

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Schöne Worte

(Text vom 30. März 2020)

Wir kennen sie, die Worte gewisser Politiker vor der Wahl und ihre Taten danach. Aber auch zwischen Eltern und Kindern – egal ob die einen noch klein oder die andern schon alt sind – werden immer wieder leere Versprechen gemacht. Und erst in der Werbung. Wir sollten es eigentlich langsam wissen: Worten ist nicht zu trauen.

Und doch müssen wir. Gerade in diesen Zeiten, wo fast die ganze Kommunikation auf Distanz geschehen muss. Dass wir den Worten, die gesagt werden, trauen können, ist die Grundlage unseres Lebens. Wir vertrauen darauf, dass die Ärzte und Epidemiespezialisten uns sinnvolle Verhaltensregeln vorgeben. Und alle, die eine Heirat hinter sich haben, hofften (und hoffen), dass das Ja für das ganze Leben gilt.

Das Christentum – und vor und neben ihm die jüdische Tradition – hat der Übereinstimmung von Wort und Tat schon immer einen besonderen Stellenwert beigemessen. Zum einen betonen die biblischen Propheten immer wieder, dass Gott die alten Verheissungen wahr gemacht hat und deshalb auf sein Wort gehört werden soll. Das Vertrauen auf Gottes Wort steht ganz im Zentrum des Glaubens. Zum andern wird vom Menschen eine rechte Gesinnung erwartet, der seine Handlungen dann aber entsprechen müssen. An den Früchten, so heisst es, erkennt man den Menschen.

Wer gut hinschaut, sieht also vor jedem Wort eine Tat. Wir trauen jemandem, von dem wir schon Gutes erfahren haben. Wir glauben einer, die bisher ihre Versprechen hielt. Ohne diesen Blick zurück können wir nicht auf die Zukunft hin vertrauen. Selbst der Metzger, der seinen Kunden zum ersten Mal sieht, schneidet sein Fleisch nur, weil bisher fast alle andern Kunden auch bezahlt haben. Fast alle. Fast immer.

Wir Menschen sind nicht perfekt. Keiner von uns. Damit wir miteinander leben können, brauchen wir Augenmass. Glauben wir naiv jedem jedes Wort, ohne zu sehen wie er sich verhält, stürzen wir uns selber ins Unglück. Glauben wir keinem, isolieren wir uns. In den gegenwärtigen Hilfsangeboten in den Gemeinden und in der Nachbarschaft ist viel Vertrauen im Spiel. Und oft brauchen die guten Taten kaum noch Worte.

Alois Schuler

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In dir

(Text vom 29. März 2020)

Sei es
dass du suchst
in klugen Gedanken
berühmter Philosophen

Sei es
dass du suchst
im Geschehen vergangener Tage

Sei es
dass du suchst
im lauten Treiben unserer Welt

Sei gewiss
dort wirst du
es nicht finden

Nur wenn du
dich aufmachst
zu den Räumen
deiner inneren Welt

Achtsam
ehrfürchtig
lauschend
offen

Nur dann
wirst du
dem Geheimnis
deines Lebens
begegnen

Claudia Schuler

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Unterbrechung

(Text vom 28. März 2020)

Als Schüler haben wir sie geliebt, die unvermittelten Unterbrechungen. Wenn etwa die Pausenglocke mitten in eine komplizierte Erklärung des Lehrers schrillte. Denn augenblicklich waren wir erlöst. Wenn nicht von der Stunde, die dann etwas länger dauerte, so doch von der Konzentration. Denn auch der Lehrer wusste, dass nun alles Folgende in den Wind gesprochen war.

Als Erwachsene verstehen wir die meisten Unterbrechungen als Störungen. Das gilt erst recht für diese grosse Unterbrechung alles Gewohnten, die Corona-Krise. Wir hoffen, dass es für uns und unsere Liebsten bei einer Unterbrechung bleibt und nicht das Ende bedeutet. Und dass sich dann, wenn die Ansteckungen vorüber sind, auch die Wirtschaft und das kulturelle Leben wieder erholen. Und wer weiss, vielleicht werden in einem Jahr auch einige Dinge anders, besser sogar laufen.

Wir haben eine Denkpause verordnet bekommen, wir müssen Vieles neu erkunden. Die Wirtschaft, die Welt, unser Leben: Wer hatte in den letzten Jahren nicht ab zu den Eindruck, dass alles pausenlos weitergeht, dass wir atemlos geworden sind. Wir brauchen aber den Unterbruch, den Wechsel von An- und Entspannung. Auch wer gegenwärtig im Homeoffice arbeitet oder nicht mehr im Arbeitsprozess drin steckt, sollte sie sich schaffen: die heilsamen Unterbrechungen des Alltags.

Alois Schuler

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Begegnung

(Text vom 27. März 2020)

Unerwartet
stehen wir uns
gegenüber

Ist es Zufall
oder Fügung

Aus entgegen gesetzten
Richtungen
gehen wir
aufeinander zu

Im Gesicht des anderen
suchen unsere Augen
Vertrautes

Doch da ist
nur Neuland
und augenblicklich
der Wunsch zu entdecken
anzunehmen
kennen zu lernen

Damit
das Fremde
der Nähe
Raum
bieten kann

Claudia Schuler

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Intervalltraining

(Text vom 26. März 2020)

Langstreckenläufer kennen es, aber auch Kletterer und Radsportler. Und auch in der Rehabilitation von Herzpatienten wird das Intervalltraining mit Erfolg angewendet. In einem etwas erweiterten Sinn haben wir alle vielfältige Erfahrungen damit: Wir erreichen mehr, wenn wir immer wieder – aber bitte im richtigen Rhythmus – Pausen einlegen. Um dann aber wieder mit voller Energie weiterzumachen. Etwa beim Lernen von Fremdsprachen oder Computerprogrammen, die wir noch nicht beherrschen.
Trainieren kann man eigentlich nur mit einem Ziel vor Augen. Für Leistungssportler ist es ein nächster Wettkampf, für Menschen ab der Lebensmitte vielleicht auch nur der Erhalt der gegenwärtigen Vitalität. Denn das Leben ist diesbezüglich wie das Gehen auf einem Laufband am Flughafen, das in die falsche Richtung läuft: Wir bleiben ohne Anstrengungen nicht stehen, sondern fallen zurück. Dabei sollte wohl noch gesagt sein, dass Anstrengungen nichts Negatives sein müssen. Wozu haben wir Muskeln, wenn wir sie nicht gebrauchen, wozu einen Verstand, wenn wir ihn nicht einsetzen? Auch wenn sich die Muskeln vielleicht im Moment schmerzhaft bemerkbar machen: Etwas zu erreichen, hier und dort einen Schritt vorangekommen zu sein, macht uns doch schon zufrieden, bevor wir ganz am Ziel angekommen sind.
Was für Körper und Geist gilt hat auch seine Bedeutung für die Seele. Unser Innerstes, unser Ich, muss gepflegt, «trainiert» werden, damit es lebendig bleibt. Was ist uns wichtig, was wollen wir, woran orientieren wir uns in den Entscheidungen des Alltags? Das Wort «Gewissen» hat in vielen Ohren keinen guten Klang. Dabei meint es genau unsere ureigene Entscheidungskompetenz. Wir sind nie stärker uns selber als wenn wir unserem Gewissen folgen. Nur ist das nicht immer einfach. Wer seinem Gewissen folgt, muss manchmal negative Konsequenzen in Kauf nehmen. Das noch grössere Problem aber besteht darin, die Stimme des Gewissens aus allen andern Stimmen um uns herum herauszuhören.
Man kann sein Gehör schulen, auch das Hören auf das Gewissen. Jeder Sonntagsgottesdienst (auch der am Fernsehen mitverfolgte) gibt uns schon einen Moment der Besinnung, die Fastenzeit aber möchte ein etwas intensiveres Gewissens-Training anregen. Vielleicht hilft jenen, die jetzt nicht arbeiten müssen oder dürfen, die uns aufgezwungene freie Zeit.

Alois Schuler

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Der Tag ist weg

(Text vom 25. März 2020)

- da geht kein Mensch
so einfach
nur wieder hinab
in den Garten
wo er die Sonne gegessen
hat,
da geht er nicht wieder
so einfach nur wieder
in seinen Tag
sein Tag ist auch weg
mit den Engeln zusammen weg
und allem
mit sämtlichen Gärten der Erde
und Minzenbeeten
weg und hineingerissen
mitsamt dem Himmel
und sämtlicher Zeit.

Silja Walter

Aus: Silja Walter. Gesamtausgabe Band 2. Paulusverlag 2000.

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Sei gegenwärtig

(Text vom 24. März 2020)

Sei gegenwärtig. Nimm wahr, was ist und was vorgeht.
Sei einfach.
Wende dich dem Alltäglichen zu. Dem Kleinen.
Freue dich. Geniesse. Lass dir den Mut nicht nehmen.
Schaue tief in die Natur der Dinge.
Handle, aber tue es aus der Haltung eines Menschen, der nicht handelt.
Handle sanft.
Handle in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.
Handle in Freiheit. Lass los.
Habe Sinn für das Paradoxe.
Denke mit dem Herzen.
Denke weiblich. Denke empfangend.

Zen

Aus: Jörg Zink (Hsg): Unter dem grossen Bogen. Kreuz Verag 2001

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GOTT IST

(Text vom 23. März 2020)

GOTT IST… es scheint, dass diese zwei Worte unbedingt ergänzt werden müssten. Wir fragen uns daher: Gott ist… wie oder was? Selbst die Bibel ergänzt diese zwei Worte vielfältig und immer wieder.
Gott ist heilig, gross, gütig, allwissend, gnädig, die Liebe, mächtig, geheimnisvoll, strafend, abwesend…
Es könnte noch lange so weitergehen mit der Aufzählung.
Weshalb ergänzen, frage ich? Kann doch einfach das GOTT IST genügen um ein ganzes Bekenntnis zu sein.
Tragen wir dieses GOTT IST wie ein kostbares Mantra, ein Gebet aus tiefstem Herzen in uns heute.
GOTT IST in diesen Tagen und immer!

Eleonora Knöpfel

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Mut

(Text vom 22. März 2020)

Zwischen
Hochmut und Demut
steht ein Drittes,
dem das Leben gehört,
und das ist ganz einfach der
Mut.

Theodor Fontane

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Aus tiefer Not

(Text vom 21. März 2020)

Bei den meisten von uns sind die Ängste heute (noch) grösser als die Not. Wir bangen um die Gesundheit von Eltern und Grosseltern – oder um unsere eigene. Wir hoffen, dass unsere Kinder jetzt nicht noch einen Unfall haben, der einen Spitalaufenthalt nötig machen würde. Und diese Gedanken liegen schwer auf unserem Herzen, können uns nach unten ziehen. Wir erleben aber auch Schönes, knüpfen bei körperlicher Distanz neue Kontakte per Telefon oder WhatsApp oder vom Fenster auf den Vorplatz. Und wir wissen, dass in Spitälern und an unzähligen andern Orten Menschen unter Hochdruck daran arbeiten, dass uns die Luft und die Lebensmittel nicht ausgehen.

Ein Gebet kann das Coronavirus nicht verscheuchen, aber vielleicht die lähmende Angst. Dass uns Angst wachsam und vorsichtig machen kann, ist ja jetzt besonders wichtig, aber manchmal wird sie zu stark. Seit mehr als 2000 Jahren beten Menschen den Psalm 130, wenn sie in der Angst zu versinken drohen: «Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen.»

Wer betet, ist nicht allein. Gott hält nicht alle Not von uns fern, aber – so das Zeugnis der Bibel und die Erfahrung von unzähligen Beterinnen und Betern über viele Generationen hinweg– er lässt uns in der Not nicht allein. Diese Gewissheit kann Kraft geben und Hoffnung. «Ich hoffe auf den Herrn … meine Seele wartet auf meinen Herrn mehr als Wächter auf den Morgen», heisst es im Psalm. Und «Ja, er wird uns erlösen».

Aufmerksam sollen wir unseren Alltag gestalten, nicht ängstlich. Was immer noch auf uns zukommen mag – mit, neben oder nach der Coronakrise –, wir dürfen zuversichtlich bleiben. Und offen für ein gutes Wort, das leicht die heute geforderte Distanz überwindet.

Alois Schuler

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Sehnsucht

(Text vom 20. März 2020)

die tiefe Sehnsucht
nach dem paradies

urverlangen
nach der verbindung mit allem
und allen
mit der weite
dem hoffnungsgrün
mit dem leben, der freiheit

nach den menschen
die lieben, achten und teilen

sehnsucht, die sich hier nur
momenteweise erfüllen kann
doch ewig gestillt wird
wenn wir ihr
vertrauensvoll entgegengehen

Maria Sassin

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Ständig Karfreitag

(Text vom 19. März 2020)

Als ich Kind war, und auch noch einige Jahrzehnte später, hatte ich – nicht ganz zufällig – immer am Karfreitag die grösste Lust auf Schokolade. Daran fehlt es uns in diesen Tagen zwar nicht, aber Anderes, das wir sonst wochen- oder monatelang übersehen können, zieht nun unsere Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Karfreitagsgefühl, diese Fokussierung auf Dinge oder Tätigkeiten, die jetzt nicht ergriffen werden können, befällt wohl einige in diesen Tagen.

Ich meine nicht die Sorgen der Erkrankten oder Gefährdeten um ihre Gesundheit und nicht jene der selbständig Erwerbstätigen um ihre (wirtschaftliche) Existenz. Ich meine mich und jene, die gegenwärtig nicht unter massiv erhöhtem Arbeitsdruck stehen, ich meine jene, die Zeit haben. Und die jetzt an all die Sachen denken, die sie jeweils tun, wenn sie Zeit haben: Sich mit Freunden treffen, ins Kino oder Konzert gehen, sich in ein Café setzen und bei einer Tasse oder einem Glas das Leben geniessen.

Statt einem Tag, an dem fast alles geschlossen bleibt, erleben wir nun Wochen der verordneten Genügsamkeit. Aber noch ist Vieles möglich. Wir dürfen spazieren gehen (nur nicht in der Menge), wir dürfen lesen, vorlesen (nur nicht die Grosseltern den Enkeln oder umgekehrt), wir haben, weil manch Gewohntes wegfällt, mehr Zeit. Und die könnten wir für uns nutzen, zum Nachdenken nicht über alle Gefahren, die uns drohen, sondern zum Nachdenken über unser Leben, über das, was uns wichtig ist im Leben. Vielleicht können wir uns durch diese Gedanken aufrichten, aufstehen aus dem Alltag, den Karfreitag hinter uns lassen, aufstehen im Licht von Ostern.

Alois Schuler

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Corona-Virus - Gebet für Betroffene und andere

(Text vom 18. März 2020)

Für andere zu beten liegt in Zeiten einer Pandemie nahe.
Hier finden Sie ein Beispiel für ein fürbittendes Gebet:

Beten wir aus der Tiefe unserer Herzen für alle Menschen, die am Corona-Virus erkrankt sind,
für alle, die Angst haben vor Ansteckung, weil ihr Körper schon geschwächt oder chronisch belastet ist.
Wir beten für alle, die sich überrollt fühlen und deren Freiheit eingeschränkt wird,
für alle, deren Existenz unter den Folgen bedroht wird,
für die Ärzte und Pflegenden, die bekümmert so viele Kranke begleiten und dadurch ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen,
für die Forschenden, die nach Schutz und Heilmittel suchen,
dass Gott unserer Welt in dieser Krise seinen Segen erhalte.

Menschenfreundlicher zuwendender Gott, du bist uns Zuflucht und Stärke, so viele Generationen vor uns haben dich als mächtig erfahren, als Helfer in allen Nöten.
Steh allen bei, die von dieser Krise hart betroffen sind, und stärke in uns den Glauben, dass du dich um jede und jeden von uns sorgst.

Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

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Sand und Sterne

(Text vom 17. März 2020)

Als ich durch die Wüste mit dem Tode um die Wette ging, habe ich wieder einmal eine Wahrheit gestreift, die so schwer zu verstehen ist. Ich habe mich verloren geglaubt, war in den Abgrund der Verzweiflung gestürzt, doch nachdem ich zum Verzicht bereit war, fand ich den Frieden.
Es scheint, dass man in solchen Stunden sich selbst entdeckt und sein eigener Freund wird. Nichts kommt diesem Gefühl der Erfüllung gleich, das in uns ein Bedürfnis nach dem Wesentlichen befriedigt, das wir vorher nicht kannten.
Als ich im Sand bis zum Hals begraben lag, vom Durst langsam erstickt, wie könnte ich vergessen, wie warm es mir da unter meiner Sternenpelerine zum Herzen strömte?

Antoine de Saint-Exupéry

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