Aktuell

Texte zum Innehalten in Zeiten von Corona

Der Esel

(Text vom 05. April 2020)

Am Palmsonntag, beim Einzug in Jerusalem begegnet uns neben Jesus auch ein graues Tier: Oft genug verwenden wir seinen Namen als Schimpfwort: "Du Esel". Damit bezeichnen wir Menschen, die wir für dumm halten, für unklug, oder für Menschen, die sich von anderen ausnützen lassen.
Damit tun wir dem Esel aber Unrecht.
Esel sind alles andere als dumm. Sie sind im Gegenteil leistungsfähig und belastbar. Sie sind zäh und geduldig, auch oder gerade wenn ihnen schwere Lasten aufgebürdet werden. Esel sind Tiere, die dem Menschen dienen, besonders in orientalischen Ländern. Esel sind auch kluge Tiere. Sie können sich gut anpassen. Aber sie können auch stur werden, wenn ihnen lebenswichtige Ansprüche vorenthalten werden. In der Bibel schickt Gott immer wieder einen Esel als Hilfe.
Der Esel ist der Legende nach Transportmittel für die Heilige Familie auf dem Weg nach Bethlehem und auf der Flucht nach Ägypten. Auch war er bei der Geburt Jesu im Stall dabei. Beim Einzug Jesu in Jerusalem hat er eine Schlüsselrolle. Er trägt den König des Friedens. Deshalb wird er selbst zum Symbol des Friedens, im Gegensatz zum Pferd, das für Herrschergewalt und Krieg steht.
Der Esel kann auch ein Sinnbild für Jesus selbst sein. Da gibt es einige Gemeinsamkeiten: Auch Jesus ist dienstbereit und belastbar. Er trägt die Lasten. Er ist konsequent, wenn es um den Menschen und um Gott geht.
Wir Christen haben auch etwas gemeinsam mit dem Esel: Wir sind Christus-Träger in die Welt. Dazu bedarf es in der Tat der Eigenschaften eines Esels: Wir brauchen die Bereitschaft zum Dienen gegenüber Gott und den Menschen, Geduld bei Widerständen, Tragfähigkeit, wenn Lasten auferlegt werden.
Papst Johannes XXIII. in seiner freundlichen Art meinte:
"Wo die Pferde versagen, da schaffen es die Esel."

Alois Schuler

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Kleine Schritte

(Text vom 04. April 2020)

„Ich bitte dich, Gott, um die grosse Kraft diesen kleinen Tag zu bestehen. Um auf dem grossen Weg zu dir einen kleinen Schritt weiterzugehen. (Ernst Ginsberg)“
Gerade jetzt sind wir häufig mit kleinen Schritten unterwegs – nicht alle gleich schnell oder langsam. Was sicher ist: es braucht erheblich viel Kraft, unabhängig vom Tempo.
Das obige Gebet kann wie ein Stossgebet immer und überall von uns ausgesprochen oder auch still gebetet werden. Es möge allen heute als kleiner Impuls für den langen Weg dienen!

Eleonora Knöpfel

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Satzbehälter leeren

(Text vom 03. April 2020)

Im Homeoffice ist der Weg zur Kaffeemaschine kurz, und so trinke ich nicht weniger Kaffee, wenn ich nicht ins Büro gehen muss. Hier treffe ich allerdings keine Kollegen, sondern die Maschine spricht mit mir. Und sie macht das etwas eintönig: «Satzbehälter leeren». Zwei Worte nur, die aber klar machen, dass jetzt gehandelt werden muss.
Diese Kurznachricht, so denke ich, während ich tue, was zu tun ist, die Meldung hat es in sich. Sollten wir nicht alle, vor allem in so aussergewöhnlichen Zeiten, unsere Sprachgewohnheiten überprüfen, neue Sätze sprechen und also unsere «Satzbehälter» leeren, unser Sprachzentrum durchspülen.
Wenn wir liebe Menschen nur noch selten und auf Distanz sehen können, dann möchten wir vielleicht nicht über das Wetter reden. Und wo wir auf Menschen treffen, die unter den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie stark leiden, sollten wir ihnen nicht unsere Langeweile vorjammern. Und wenn es darum geht, jetzt noch einige Wochen die Einschränkungen durchzuhalten, ist die besserwisserische Empörung über die Regierung oder die Umsetzung am Ort nicht wirklich zielführend.
Wir haben vielleicht in den letzten Jahren falsche Sätze eingeübt. Neue Sätze braucht das Land, braucht der Mensch, brauchen wir. Deshalb: Satzbehälter leeren, damit Platz ist für neue, gute und aufbauende Worte.

Alois Schuler 

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Wirkliche Freiheit

(Text vom 02. April 2020)

Aung San Suu Kyi – eine Freiheitskämpferin des ehemaligen Burma. Heute kann sie nicht mehr kritiklos mit dem gleichen Respekt angesehen werden wie noch vor Jahren. Sie stand über 20 Jahre lang unter Hausarrest, konnte also weder das Haus verlassen, noch persönlichen Kontakt zu ihrer Familie haben. In ihrer Rede, die sie hielt, als sie den Friedensnobelpreis entgegennehmen konnte, sagte sie Folgendes:

"Das einzige wirkliche Gefängnis ist unsere Angst. Und die einzige wirkliche Freiheit, ist die Freiheit von Angst."

Dieses Zitat, von einer Frau, die so lange in Unfreiheit verbracht hatte, hat mich mehr als nachdenklich gemacht. Und dies müsste uns eigentlich alle anregen über so viele unserer Privilegien nachzudenken und zu fühlen, dass jede unserer Klagen wegen der Ausgeheinschränkungen eine Klage auf hohem Niveau ist. Gibt es doch Menschen, die seit Jahren ihre Zimmer kaum mehr verlassen haben oder konnten. Ja – das Glas ist oft halbleer; doch eine andere Sicht sagt uns – das Glas ist halbvoll. Üben wir gemeinsam daran diese zweite Sicht zur Entfaltung zu bringen; damit es uns etwas besser geht bei aller Einschränkung.

Eleonora Knöpfel, Seelsorgerin

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Der Grenzenlose

(Text vom 01. April 2020)

Als ich immerfort an meine
Grenzen stiess,
verliess
ich mein Zuhause
und ging fort.

Ich wollte in die Wüste gehn,
an jenen Ort
aus Sand und Sand,
der nur den Himmel hat
als Rand,
um den sich nur die Winde
und die Sterne drehn.

Die Wüste, die ich fand,
liegt ausserhalb der Stadt
am Fluss.
Ich sagte mir: Da muss
ich bleiben. Wirklich?
Aber ja!

– Denn ich sah,
dass sich das Grenzenlose,
zwischen Zäunen eingeschlossen,
hier verborgen,
hinter Gittern eingenistet hat.

Wüste ist hier Haus
mit Gittertür.
Mit allen meinen Grenzen
trat ich ein
und durfte schon am ersten Tag
im Grenzenlosen sein.
Es ist jemand, und der wohnt hier.

Grenzenlos nahm mich der Grenzenlose
samt meinen Grenzen an.
Nein, er zerbrach sie nicht.
So wie ich bin, und ich nicht anders kann,
als immer noch begrenzt zu sein,
geh ich nun Tag um Tag,
so wie mein Alltag läuft,
geh ich nun ein
in meines Grenzenlosen grenzenloses Licht.

Silja Walter

Aus: Silja Walter. Gesamtausgabe Band 7, Paulusverlag 2006.

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Unsere Lebenszeit

(Text vom 31. März 2020)

Vergangenheit
ist Geschichte
Zukunft
ist Geheimnis
aber jeder Augenblick
ist ein Geschenk.

Claudia Schuler

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Schöne Worte

(Text vom 30. März 2020)

Wir kennen sie, die Worte gewisser Politiker vor der Wahl und ihre Taten danach. Aber auch zwischen Eltern und Kindern – egal ob die einen noch klein oder die andern schon alt sind – werden immer wieder leere Versprechen gemacht. Und erst in der Werbung. Wir sollten es eigentlich langsam wissen: Worten ist nicht zu trauen.

Und doch müssen wir. Gerade in diesen Zeiten, wo fast die ganze Kommunikation auf Distanz geschehen muss. Dass wir den Worten, die gesagt werden, trauen können, ist die Grundlage unseres Lebens. Wir vertrauen darauf, dass die Ärzte und Epidemiespezialisten uns sinnvolle Verhaltensregeln vorgeben. Und alle, die eine Heirat hinter sich haben, hofften (und hoffen), dass das Ja für das ganze Leben gilt.

Das Christentum – und vor und neben ihm die jüdische Tradition – hat der Übereinstimmung von Wort und Tat schon immer einen besonderen Stellenwert beigemessen. Zum einen betonen die biblischen Propheten immer wieder, dass Gott die alten Verheissungen wahr gemacht hat und deshalb auf sein Wort gehört werden soll. Das Vertrauen auf Gottes Wort steht ganz im Zentrum des Glaubens. Zum andern wird vom Menschen eine rechte Gesinnung erwartet, der seine Handlungen dann aber entsprechen müssen. An den Früchten, so heisst es, erkennt man den Menschen.

Wer gut hinschaut, sieht also vor jedem Wort eine Tat. Wir trauen jemandem, von dem wir schon Gutes erfahren haben. Wir glauben einer, die bisher ihre Versprechen hielt. Ohne diesen Blick zurück können wir nicht auf die Zukunft hin vertrauen. Selbst der Metzger, der seinen Kunden zum ersten Mal sieht, schneidet sein Fleisch nur, weil bisher fast alle andern Kunden auch bezahlt haben. Fast alle. Fast immer.

Wir Menschen sind nicht perfekt. Keiner von uns. Damit wir miteinander leben können, brauchen wir Augenmass. Glauben wir naiv jedem jedes Wort, ohne zu sehen wie er sich verhält, stürzen wir uns selber ins Unglück. Glauben wir keinem, isolieren wir uns. In den gegenwärtigen Hilfsangeboten in den Gemeinden und in der Nachbarschaft ist viel Vertrauen im Spiel. Und oft brauchen die guten Taten kaum noch Worte.

Alois Schuler

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In dir

(Text vom 29. März 2020)

Sei es
dass du suchst
in klugen Gedanken
berühmter Philosophen

Sei es
dass du suchst
im Geschehen vergangener Tage

Sei es
dass du suchst
im lauten Treiben unserer Welt

Sei gewiss
dort wirst du
es nicht finden

Nur wenn du
dich aufmachst
zu den Räumen
deiner inneren Welt

Achtsam
ehrfürchtig
lauschend
offen

Nur dann
wirst du
dem Geheimnis
deines Lebens
begegnen

Claudia Schuler

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Unterbrechung

(Text vom 28. März 2020)

Als Schüler haben wir sie geliebt, die unvermittelten Unterbrechungen. Wenn etwa die Pausenglocke mitten in eine komplizierte Erklärung des Lehrers schrillte. Denn augenblicklich waren wir erlöst. Wenn nicht von der Stunde, die dann etwas länger dauerte, so doch von der Konzentration. Denn auch der Lehrer wusste, dass nun alles Folgende in den Wind gesprochen war.

Als Erwachsene verstehen wir die meisten Unterbrechungen als Störungen. Das gilt erst recht für diese grosse Unterbrechung alles Gewohnten, die Corona-Krise. Wir hoffen, dass es für uns und unsere Liebsten bei einer Unterbrechung bleibt und nicht das Ende bedeutet. Und dass sich dann, wenn die Ansteckungen vorüber sind, auch die Wirtschaft und das kulturelle Leben wieder erholen. Und wer weiss, vielleicht werden in einem Jahr auch einige Dinge anders, besser sogar laufen.

Wir haben eine Denkpause verordnet bekommen, wir müssen Vieles neu erkunden. Die Wirtschaft, die Welt, unser Leben: Wer hatte in den letzten Jahren nicht ab zu den Eindruck, dass alles pausenlos weitergeht, dass wir atemlos geworden sind. Wir brauchen aber den Unterbruch, den Wechsel von An- und Entspannung. Auch wer gegenwärtig im Homeoffice arbeitet oder nicht mehr im Arbeitsprozess drin steckt, sollte sie sich schaffen: die heilsamen Unterbrechungen des Alltags.

Alois Schuler

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Begegnung

(Text vom 27. März 2020)

Unerwartet
stehen wir uns
gegenüber

Ist es Zufall
oder Fügung

Aus entgegen gesetzten
Richtungen
gehen wir
aufeinander zu

Im Gesicht des anderen
suchen unsere Augen
Vertrautes

Doch da ist
nur Neuland
und augenblicklich
der Wunsch zu entdecken
anzunehmen
kennen zu lernen

Damit
das Fremde
der Nähe
Raum
bieten kann

Claudia Schuler

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Intervalltraining

(Text vom 26. März 2020)

Langstreckenläufer kennen es, aber auch Kletterer und Radsportler. Und auch in der Rehabilitation von Herzpatienten wird das Intervalltraining mit Erfolg angewendet. In einem etwas erweiterten Sinn haben wir alle vielfältige Erfahrungen damit: Wir erreichen mehr, wenn wir immer wieder – aber bitte im richtigen Rhythmus – Pausen einlegen. Um dann aber wieder mit voller Energie weiterzumachen. Etwa beim Lernen von Fremdsprachen oder Computerprogrammen, die wir noch nicht beherrschen.
Trainieren kann man eigentlich nur mit einem Ziel vor Augen. Für Leistungssportler ist es ein nächster Wettkampf, für Menschen ab der Lebensmitte vielleicht auch nur der Erhalt der gegenwärtigen Vitalität. Denn das Leben ist diesbezüglich wie das Gehen auf einem Laufband am Flughafen, das in die falsche Richtung läuft: Wir bleiben ohne Anstrengungen nicht stehen, sondern fallen zurück. Dabei sollte wohl noch gesagt sein, dass Anstrengungen nichts Negatives sein müssen. Wozu haben wir Muskeln, wenn wir sie nicht gebrauchen, wozu einen Verstand, wenn wir ihn nicht einsetzen? Auch wenn sich die Muskeln vielleicht im Moment schmerzhaft bemerkbar machen: Etwas zu erreichen, hier und dort einen Schritt vorangekommen zu sein, macht uns doch schon zufrieden, bevor wir ganz am Ziel angekommen sind.
Was für Körper und Geist gilt hat auch seine Bedeutung für die Seele. Unser Innerstes, unser Ich, muss gepflegt, «trainiert» werden, damit es lebendig bleibt. Was ist uns wichtig, was wollen wir, woran orientieren wir uns in den Entscheidungen des Alltags? Das Wort «Gewissen» hat in vielen Ohren keinen guten Klang. Dabei meint es genau unsere ureigene Entscheidungskompetenz. Wir sind nie stärker uns selber als wenn wir unserem Gewissen folgen. Nur ist das nicht immer einfach. Wer seinem Gewissen folgt, muss manchmal negative Konsequenzen in Kauf nehmen. Das noch grössere Problem aber besteht darin, die Stimme des Gewissens aus allen andern Stimmen um uns herum herauszuhören.
Man kann sein Gehör schulen, auch das Hören auf das Gewissen. Jeder Sonntagsgottesdienst (auch der am Fernsehen mitverfolgte) gibt uns schon einen Moment der Besinnung, die Fastenzeit aber möchte ein etwas intensiveres Gewissens-Training anregen. Vielleicht hilft jenen, die jetzt nicht arbeiten müssen oder dürfen, die uns aufgezwungene freie Zeit.

Alois Schuler

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Der Tag ist weg

(Text vom 25. März 2020)

- da geht kein Mensch
so einfach
nur wieder hinab
in den Garten
wo er die Sonne gegessen
hat,
da geht er nicht wieder
so einfach nur wieder
in seinen Tag
sein Tag ist auch weg
mit den Engeln zusammen weg
und allem
mit sämtlichen Gärten der Erde
und Minzenbeeten
weg und hineingerissen
mitsamt dem Himmel
und sämtlicher Zeit.

Silja Walter

Aus: Silja Walter. Gesamtausgabe Band 2. Paulusverlag 2000.

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Sei gegenwärtig

(Text vom 24. März 2020)

Sei gegenwärtig. Nimm wahr, was ist und was vorgeht.
Sei einfach.
Wende dich dem Alltäglichen zu. Dem Kleinen.
Freue dich. Geniesse. Lass dir den Mut nicht nehmen.
Schaue tief in die Natur der Dinge.
Handle, aber tue es aus der Haltung eines Menschen, der nicht handelt.
Handle sanft.
Handle in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.
Handle in Freiheit. Lass los.
Habe Sinn für das Paradoxe.
Denke mit dem Herzen.
Denke weiblich. Denke empfangend.

Zen

Aus: Jörg Zink (Hsg): Unter dem grossen Bogen. Kreuz Verag 2001

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GOTT IST

(Text vom 23. März 2020)

GOTT IST… es scheint, dass diese zwei Worte unbedingt ergänzt werden müssten. Wir fragen uns daher: Gott ist… wie oder was? Selbst die Bibel ergänzt diese zwei Worte vielfältig und immer wieder.
Gott ist heilig, gross, gütig, allwissend, gnädig, die Liebe, mächtig, geheimnisvoll, strafend, abwesend…
Es könnte noch lange so weitergehen mit der Aufzählung.
Weshalb ergänzen, frage ich? Kann doch einfach das GOTT IST genügen um ein ganzes Bekenntnis zu sein.
Tragen wir dieses GOTT IST wie ein kostbares Mantra, ein Gebet aus tiefstem Herzen in uns heute.
GOTT IST in diesen Tagen und immer!

Eleonora Knöpfel

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Mut

(Text vom 22. März 2020)

Zwischen
Hochmut und Demut
steht ein Drittes,
dem das Leben gehört,
und das ist ganz einfach der
Mut.

Theodor Fontane

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Aus tiefer Not

(Text vom 21. März 2020)

Bei den meisten von uns sind die Ängste heute (noch) grösser als die Not. Wir bangen um die Gesundheit von Eltern und Grosseltern – oder um unsere eigene. Wir hoffen, dass unsere Kinder jetzt nicht noch einen Unfall haben, der einen Spitalaufenthalt nötig machen würde. Und diese Gedanken liegen schwer auf unserem Herzen, können uns nach unten ziehen. Wir erleben aber auch Schönes, knüpfen bei körperlicher Distanz neue Kontakte per Telefon oder WhatsApp oder vom Fenster auf den Vorplatz. Und wir wissen, dass in Spitälern und an unzähligen andern Orten Menschen unter Hochdruck daran arbeiten, dass uns die Luft und die Lebensmittel nicht ausgehen.

Ein Gebet kann das Coronavirus nicht verscheuchen, aber vielleicht die lähmende Angst. Dass uns Angst wachsam und vorsichtig machen kann, ist ja jetzt besonders wichtig, aber manchmal wird sie zu stark. Seit mehr als 2000 Jahren beten Menschen den Psalm 130, wenn sie in der Angst zu versinken drohen: «Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen.»

Wer betet, ist nicht allein. Gott hält nicht alle Not von uns fern, aber – so das Zeugnis der Bibel und die Erfahrung von unzähligen Beterinnen und Betern über viele Generationen hinweg– er lässt uns in der Not nicht allein. Diese Gewissheit kann Kraft geben und Hoffnung. «Ich hoffe auf den Herrn … meine Seele wartet auf meinen Herrn mehr als Wächter auf den Morgen», heisst es im Psalm. Und «Ja, er wird uns erlösen».

Aufmerksam sollen wir unseren Alltag gestalten, nicht ängstlich. Was immer noch auf uns zukommen mag – mit, neben oder nach der Coronakrise –, wir dürfen zuversichtlich bleiben. Und offen für ein gutes Wort, das leicht die heute geforderte Distanz überwindet.

Alois Schuler

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Sehnsucht

(Text vom 20. März 2020)

die tiefe Sehnsucht
nach dem paradies

urverlangen
nach der verbindung mit allem
und allen
mit der weite
dem hoffnungsgrün
mit dem leben, der freiheit

nach den menschen
die lieben, achten und teilen

sehnsucht, die sich hier nur
momenteweise erfüllen kann
doch ewig gestillt wird
wenn wir ihr
vertrauensvoll entgegengehen

Maria Sassin

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Ständig Karfreitag

(Text vom 19. März 2020)

Als ich Kind war, und auch noch einige Jahrzehnte später, hatte ich – nicht ganz zufällig – immer am Karfreitag die grösste Lust auf Schokolade. Daran fehlt es uns in diesen Tagen zwar nicht, aber Anderes, das wir sonst wochen- oder monatelang übersehen können, zieht nun unsere Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Karfreitagsgefühl, diese Fokussierung auf Dinge oder Tätigkeiten, die jetzt nicht ergriffen werden können, befällt wohl einige in diesen Tagen.

Ich meine nicht die Sorgen der Erkrankten oder Gefährdeten um ihre Gesundheit und nicht jene der selbständig Erwerbstätigen um ihre (wirtschaftliche) Existenz. Ich meine mich und jene, die gegenwärtig nicht unter massiv erhöhtem Arbeitsdruck stehen, ich meine jene, die Zeit haben. Und die jetzt an all die Sachen denken, die sie jeweils tun, wenn sie Zeit haben: Sich mit Freunden treffen, ins Kino oder Konzert gehen, sich in ein Café setzen und bei einer Tasse oder einem Glas das Leben geniessen.

Statt einem Tag, an dem fast alles geschlossen bleibt, erleben wir nun Wochen der verordneten Genügsamkeit. Aber noch ist Vieles möglich. Wir dürfen spazieren gehen (nur nicht in der Menge), wir dürfen lesen, vorlesen (nur nicht die Grosseltern den Enkeln oder umgekehrt), wir haben, weil manch Gewohntes wegfällt, mehr Zeit. Und die könnten wir für uns nutzen, zum Nachdenken nicht über alle Gefahren, die uns drohen, sondern zum Nachdenken über unser Leben, über das, was uns wichtig ist im Leben. Vielleicht können wir uns durch diese Gedanken aufrichten, aufstehen aus dem Alltag, den Karfreitag hinter uns lassen, aufstehen im Licht von Ostern.

Alois Schuler

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Corona-Virus - Gebet für Betroffene und andere

(Text vom 18. März 2020)

Für andere zu beten liegt in Zeiten einer Pandemie nahe.
Hier finden Sie ein Beispiel für ein fürbittendes Gebet:

Beten wir aus der Tiefe unserer Herzen für alle Menschen, die am Corona-Virus erkrankt sind,
für alle, die Angst haben vor Ansteckung, weil ihr Körper schon geschwächt oder chronisch belastet ist.
Wir beten für alle, die sich überrollt fühlen und deren Freiheit eingeschränkt wird,
für alle, deren Existenz unter den Folgen bedroht wird,
für die Ärzte und Pflegenden, die bekümmert so viele Kranke begleiten und dadurch ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen,
für die Forschenden, die nach Schutz und Heilmittel suchen,
dass Gott unserer Welt in dieser Krise seinen Segen erhalte.

Menschenfreundlicher zuwendender Gott, du bist uns Zuflucht und Stärke, so viele Generationen vor uns haben dich als mächtig erfahren, als Helfer in allen Nöten.
Steh allen bei, die von dieser Krise hart betroffen sind, und stärke in uns den Glauben, dass du dich um jede und jeden von uns sorgst.

Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

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Wind, Sand und Sterne

(Text vom 17. März 2020)

Als ich durch die Wüste mit dem Tode um die Wette ging, habe ich wieder einmal eine Wahrheit gestreift, die so schwer zu verstehen ist. Ich habe mich verloren geglaubt, war in den Abgrund der Verzweiflung gestürzt, doch nachdem ich zum Verzicht bereit war, fand ich den Frieden.
Es scheint, dass man in solchen Stunden sich selbst entdeckt und sein eigener Freund wird. Nichts kommt diesem Gefühl der Erfüllung gleich, das in uns ein Bedürfnis nach dem Wesentlichen befriedigt, das wir vorher nicht kannten.
Als ich im Sand bis zum Hals begraben lag, vom Durst langsam erstickt, wie könnte ich vergessen, wie warm es mir da unter meiner Sternenpelerine zum Herzen strömte?

Antoine de Saint-Exupéry

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