Aktuell

Einsamkeit

In unzähligen Wohnungen ist es dasselbe.
Einsame Menschen.
Getrennt nur durch dünne Wände.
Mit Seelen wie Briefkästen
warten sie darauf,
dass etwas eingeworfen wird.

Richard Knecht

Unter so viel Sternen

Unter so viel Sternen
ein so kleiner Stern
Untertausend Sonnen
nah und doch so fern

Erst in dunklen Nächten
sehen wir sein Licht
Denn an hellen Tagen
und in frohen Stunden
sehen wir es nicht

Auf den langen Wegen
im Vergehn der Zeit
mitten in den Tränen
und in tiefstem Lehnen
Trost in all dem Leid

Bist ein Stern geworden
hoch am Himmelszelt
leuchtest in die Herzen
leuchtest auch an Orten
wo das Licht uns fehlt

Unter so viel Sternen
ein so kleiner Stern
Trotz der tausend Sonnen
wenn die Nacht zerronnen
bist du uns nicht fern

Reinhard Riess

Advent

durchlichtet
das wort
engelwort
ängstige dich nicht
leuchtend hell
in dunkler zeit
die mit der angst
geschäfte macht
und die kosten
hochtreibt

 

Wilhelm Bruners

Ich selber

Wenn ich ich bin
und du du bist
Dann bin ich ich
und du du

Wenn aber ich ich bin
weil du du bist
und du du bist
weil ich ich bin

Dann bin ich nicht ich
und du nicht du

Chassidische Weisheit

Drei Dinge

Drei Dinge mögest du dir
und anderen wünschen
Gesundheit
Freude
und Freunde

Drei Dinge mögest du kultivieren
Mut
Güte
und Liebe

Drei Dinge mögest du geben
dein Mögliches für die Armen
ein Wort des Trostes den Traurigen
und ein Wort des Lobes für alle

Unbekannt

Bibelzeit

einen augenblick
durchbricht der himmel
sein schweigen
sternversiegelt
steht rede und antwort
einen augenblick
in ihm ist alles gesagt
Wilhelm Bruners

Heilung

Den Finger der Wahrheit in die Wunde legen
Die Wunde mit Mitgefühl verbinden
Die sich bildende Narbe mit Liebe berühren
Dann aber:
vertrauensvoll zurücklehnen
den Blick weiten
das viele Schöne, Helle sehn
und wie ganz nebenbei
die Narbe zu neuem Leben wandeln lassen
und staunen.
Alexander Jehle

Erkennen

Nein
sagen plötzlich viele Dinge
zu mir
so war es nicht.
Du hast nicht genau gehört
nicht hingesehen
zu viel Eigenes
hinzugefügt.

Du bist alt
sagt das Kind
zu mir
und meint
du gehörst nicht dazu.

Warum nur
liess ich mich täuschen
immer wieder
von den Dingen
von Menschen?

Heidi Keller

Kastanienallee

Und eines Morgens steht
die Allee ohne Laub die schlanken
Kastanienäste fingern
die weissen die blauen Tasten des
Himmelsklaviers und heimlich
zähle ich mir die langen
Monate vor
und mich schauert im Herzensgrunde die
Zahl und das Laub auf dem
Gehsteig
das Umschlagen
der Zeit was hat
der Tag mit mir vor der nächste und wo
werde ich sein wenn die
Bäume die ewigen wieder die
feingehäkelten lichtgrünen
Frühlingshandschuhe
überstreifen
Virgilio Masciadri

Am Ende des Tages

Die Arbeit lassen
Die Menschen lassen
Mich entlassen aus den Rollen des Tages

Zu mir selbst kommen
Wer war ich?
Wer bin ich?
Für mich? Für die andern?
Vor dir, meinem Gott?

Du bedeckst meine Armut
mit deinen Gaben
Du umhüllst meine Nacktheit
mit deiner Milde
Mitten in der Nacht
nimmst Du mich auf
in das Haus der Barmherzigkeit

Aus ihm trete ich
Morgen für Morgen hervor
gestärkt
für den Tag

Wann hätte ich Dir
je genug Dank gesagt

Theresia Hauser

Von einem Ort zum andern

Schritt für Schritt
gehe ich
erfüllt von Dankbarkeit
mich bewegen zu können

Entschleunigung
schenke ich mir
im tiefen Ein- und Ausatmen

Langsamkeit
gönne ich mir
im Übergang von einem Ort
zum anderen

Schritt für Schritt
gehe ich
durch den Lauf der Zeit
im Hier und Jetzt

Getragensein
erfahre ich
im bewussten Gehen

Pierre Stutz

jetzt

jetzt
ist die Zeit
und hier der Ort
an dem
das Wichtigste
geschieht

ganz Auge
Ohr und Herz
im Augenblick

die Wunder sehen
den Puls des Lebens spüren
und aufmerksam
bei mir
und anderen sein

Almut Haneberg

Warum denn nicht?!

Warum denn nicht
einfach die alten Wege verlassen
und gemeinsam
auf neuen Wegen stolpern?!
Warum denn nicht
einfach miteinander lachen
statt gegeneinander zu kämpfen?!
Warum denn nicht
einfach zueinander stehen
statt uns voreinander zu verstecken?!
Warum denn nicht
einfach das Wagnis eingehen
uns ganz neu zu begegnen?!
Warum denn nicht?!
Hannelore Bares

lebensaufgabe

das
leben
als
gabe
aufgegeben
zu
gestalten
bis
es
abzugeben
Urs Eigenmann

ein schritt zurück

einen schritt zurück treten
ruhe geben
termine streichen
dem schmerz
seinen raum geben
auch in der nacht
frisst er den schlaf
er will aufmerksamkeit
der schmerz, offene augen
sich bescheiden
vieles bleibt ungetan
texte werden nicht geschrieben
wäsche bleibt schmutzig
unkraut wächst
auf dem fenster kriecht
gemächlich eine schnecke
sich bescheiden
Christiane Faschon

Gottes Hände

sind nass
wenn sie
über seine Welt
streichen
sie zittern
wenn seine
Fingerkuppen
ihren Scheitel
berühren

Wilhelm Bruners

Eine Anfrage

Die Zeichen übersehen 
die Boten nicht erkannt
Wann fallen mir
die Schuppen von den Augen
damit ich endlich verstehe
was DU mir sagen willst
und mein Leben
danach ausrichte

Katharina Wagner

Erfahrung

Es genügt ein Augenblick,
Sich zu verlieren.
Doch es braucht ein Leben,
sich zu finden.

Richard Knecht

„Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen.“ Lukas 12,49

Der zornige Jesus
Jesus der Menschenfreund. Jesus der Heiland. Jesus der Freund der Armen und Bedrängten. Wie passt dieses Jesuswort zu unserem Bild von Jesus? Ein Wort, das wir eher einem Terroristen oder Ideologen zuschreiben würden?
Jesus zeigt sich hier nicht als der grosse Friedensbringer, sondern zieht  das Schwert der Entscheidung. In dem Bild des Feuers, das in der Bibel für Gottes Endgericht steht, wird klar, dass es bei der Frage des Reiches Gottes nur ein Ja oder ein Nein geben kann.
Diese Worte wollen uns wachrütteln, damit wir uns nicht bequem und behäbig in dieser Welt einrichten, sondern sie fordern uns zu einem radikalen Leben heraus, die uns selbst in Brand setzen sollen.